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Wie ein Müritzer ausgerechnet zum Schnitzen kam

Viele kennen traditionelle Weihnachtsschnitzerei nur aus dem Erzgebirge. Doch in Waren gibt es einen 93-Jährigen, der in seinem Keller Schwibbögen herstellt.  

Werner Diebenow sitzt in seiner Werkstatt im Keller. Auf dem Arbeitstisch steht ein Schwibbogen, der repariert werden muss.
Nadine Schuldt Werner Diebenow sitzt in seiner Werkstatt im Keller. Auf dem Arbeitstisch steht ein Schwibbogen, der repariert werden muss.

Auch wenn er schon 93 Lenze zählt - von der Schnitzerei kann der Warener Werner Diebenow einfach nicht lassen. Regelmäßig sitzt der rüstige Senior in seinem Keller am Friedrich-Engels-Platz und feilt, klebt oder malt an einem neuen Schwibbogen. Oder an einem anderen Holzgebilde.

"Ich habe schon immer gerne geschnitzt", sagt Diebenow und holt eine Seepferdchen-Form aus einer Tüte. Auf seinem Arbeitsplatz liegen noch unbearbeitete Holzstücke. Mit Bleistift ist auf ihnen ein Muster eingezeichnet, kleinere Hohlräume schon eingekerbt. In dem etwa vier Quadratmeter großen Kellerraum ist alles, was das "Schnitzerherz" höher schlagen lässt. Feilen liegen auf dem Tisch, in den Regalen sind Hammer, Zange und weitere Werkzeuge untergebracht. Auf dem Arbeitstisch finden sich weitere Sperrholzplatten.

Schon in der Jugend gern geschnitzt

Eine Ausbildung oder Kontakt zu einem professionellen Holzkünstler hat Werner Diebenow nie gehabt, ihm liegt diese Fingerfertigkeit einfach im Blut. Schon als junger Bursche mit zwölf, dreizehn Jahren hat Werner Diebenow aus dickeren Holzstöcken Köpfe für Kasper-Puppen geschnitzt. Für seinen Neffen fertigt er sogar einen ganzen Bauernhof aus Holz an. Doch den Beruf des Tischlers oder Schnitzers ergreift er nicht - er wollte Autoschlosser werden und beginnt auf einem Autohof. Auch da lässt er die Finger nicht vom Holz, sägt ganze Lampenschirme aus. Doch als der Zweite Weltkrieg kommt, ist erst einmal Schluss mit der handwerklichen Arbeit. Diebenow gerät in dieser Zeit auch in Gefangenschaft. 1949 kommt er frei, fängt in Lupendorf bei einem Bauern an. Doch erst Anfang der 60er-Jahre, als die Familie nach Waren zieht und die Wohnung am Friedrich-Engels-Platz hergerichtet ist, findet Werner Diebenow endlich wieder Zeit zum Schnitzen. "Der erste Schwibbogen steht noch auf unserem Fensterbrett", zeigt er vom Wohnzimmertisch auf den Weihnachtsschmuck.Etwa zwei bis drei Mal pro Woche sei er damals abends in seiner Werkstatt gewesen. Und natürlich auch am Wochenende. Das Holz - Werner Diebenow benutzt für seine Gebilde nach wie vor Sperrholz - besorgt er sich von Tischlern. "Man musste jemanden kennen, der in der Tischlergenossenschaft drin war, dann hat man etwas bekommen." Sogar aus einem Schnitz- und Tischlerfachgeschäft in Ebersbach in Sachsen hatte er einst Material erhalten.

Bald kein Platz mehr für die Arbeiten

Auch die Vorlagen für die Schwibbögen oder Fensterschmuck besorgt er sich. Benötigt er für die ersten Bögen noch viele Woche, so wurde es nach und nach besser. "Man arbeitet sich ein", sagt er. Diebenow, der Mitte in den 60er-Jahren inzwischen als Maurer arbeitet. Mit der Schnitzerei fuchst er sich immer mehr ein, fertigt auch Beistellmöbel wie einen Schuhschrank an. Mittlerweile ist in Diebenows Wohnung für die zahlreichen Schwibbögen gar kein Platz. Er verschenkt sie an seine Kinder, Enkel und weitere Bekannte. Ausgewählte Stücke wie einen Lampentisch und einen Kerzenhalter stehen aber nach wie vor in seiner Wohnung. Sein größter Schatz ist momentan ein Karussell. Da hat er richtig viel Liebe rein gesteckt, die Puppen und Tiere mit der Hand ausgeschnitten. Und der nächste Schwibbogen steht bereits auf der Arbeitsplatte und muss repariert werden.