Feldpost aus Kunduz:

Antrag per Videokonferenz

Seit Juli sind Hagenower Panzergrenadiere in Afghanistan im Einsatz. Am Sonnabend konnten ihre Angehörigen sich aus der Ferne ein Bild von ihrem Alltag machen.

Frisch verlobt: Stephanie Tietz mit Söhnchen Béla
Karin Koslik Frisch verlobt: Stephanie Tietz mit Söhnchen Béla

Die Verbindung ist nicht gut, es rauscht und knackt aus den Lautsprechern. „Haben Sie ihn verstanden? Sagt er was von Weihnachten?“ Durch die hinteren Reihen im vollbesetzten Speisesaal der Schweriner Werder-Kaserne geht ein leises Raunen. Vorne, in der dritten Reihe, steht eine junge Frau langsam auf, sucht das Auge der Kamera, die gleich ihr Bild ins ferne Afghanistan senden wird, und sagt leise, aber mit fester Stimme: „Ja, Henry, ich will dich heiraten.“ Und als dann die Tränen zu kullern beginnen, zieht auch noch die Freundin neben ihr ein Ringetui aus der Tasche und zwinkert in Richtung Kamera. „Er passt“, stammelt die völlig überraschte Braut. Applaus brandet auf. Stephanie Tietz aus Moraas wird feuerrot – und muss doch schnell noch etwas in Richtung Kamera loswerden, bevor der Liebste sie nicht mehr sieht: „Es ist echt schwer ohne dich. Ich liebe dich!“

Rund 400 Frauen, Kinder und Männer sind am Sonnabendnachmittag der Einladung des Familienbetreuungszentrums (FBZ) der Bundeswehr gefolgt. Ihre Männer oder Frauen, Freunde oder Freundinnen, Söhne oder Töchter, Väter oder Mütter gehören zum Hagenower Panzergrenadierbataillon. Seit Anfang Juli versehen sie ihren Dienst in Afghanistan, fast alle im Bereich Kunduz. Bis Dezember dauert der Auslandseinsatz – bis Dezember können die Soldatinnen und Soldaten nur per Skype, Telefon oder Feldpost mit ihren Angehörigen kommunizieren. Die Videokonferenzschaltung am Sonnabendnachmittag ist eine Ausnahme – und eine seltene Chance für Familien und Freunde, sich ein Bild vom Einsatzort zu machen. Standbilder zeigen das Lager inmitten einer kargen Landschaft. Oberstleutnant Andreas Kühne, der an der Spitze der Hagenower Grenadiere steht, gibt Erklärungen und beantwortet zusammen mit weiteren Soldaten vor der Kamera Fragen aus der Heimat.

Thermometer zeigt 40,4 Grad Celsius an

Die „Muckibude“ interessiert vor allem die Männer im Saal. Das „Wüsten-Einkaufszentrum“, so konstatieren gleich mehrere Frauen, wirkt verglichen mit einem hiesigen Supermarkt ziemlich leer. Und immer neue Bilder: Ein Digitalthermometer zeigt 40,4 Grad Celsius an. Frauen im Tschador scheinen davon unbeeindruckt zu sein. Gepanzerte Fahrzeuge teilen sich eine Straße mit Eselgespannen. Soldaten auf Patrouille nehmen sich Zeit für ein Gespräch mit Einheimischen. Und auf fast allen Bildern, die außerhalb des Lagers entstanden sind, Kinder, Kinder, Kinder.

Die Kinder in der Schweriner Kaserne starren indessen gebannt auf die an die Wand projizierten Bilder. „Da, da rechts unten, das ist Papa!“ „Ich kann meinen nicht sehen.“ „Da, das ist er doch.“ Immer wieder reckt ein Knirps die Arme in die Höhe, winkt in die Kamera – und viele Erwachsene tun es ihm nach.

„Wir wollen ein Beruhigungsmittel für die Soldatinnen und Soldaten im Einsatz sein“, erläutert Oberstabsfeldwebel Walter Trump, der das Schweriner FBZ leitet. Es ist eines von bundesweit 31, drei gibt es in Mecklenburg-Vorpommern – in Schwerin, Warnemünde und Neubrandenburg, letzteres mit einer Betreuungsstelle in Torgelow. Für die Angehörigen verstehen sich die Zentren als Helfer bei der Bewältigung großer und kleiner Probleme – sei es bei der Kinderbetreuung, bei Behördengängen, in Versicherungsfragen oder wenn die Verbindung ins Ausland einfach nicht klappen will, wie das gerade in den letzten Tagen wieder der Fall war. „Außerdem laden wir die Angehörigen alle drei bis vier Wochen zu einer Informations- und Betreuungsveranstaltung ein. Wir wollen sie damit ein wenig ablenken und entlasten. Gleichzeitig wollen wir ihnen aber auch die Gelegenheit geben, sich gegenseitig kennenzulernen“, so Trump. So könnten beispielsweise Frauen, deren Männer schon öfter im Auslandseinsatz waren, denen helfen, für die die Situation noch neu und ungewohnt ist.

Fahrt zur Konferenzschaltung ursprünglich nicht geplant

Auch für Stephanie Tietz ist es das erste Mal, dass sie ihren Freund in die Fremde verabschiedet hat. „Für ihn selbst ist es aber nicht der erste Auslandseinsatz“, erzählt die frisch Verlobte. Dennoch dürfte es ihm diesmal besonders sauer geworden sein: Béla, der gemeinsame Sohn des Paares, ist gerade einmal zehn Monate alt, im Februar wird er zu seiner großen Schwester Lee-Ann noch ein kleines Geschwisterchen bekommen.

Zur Konferenzschaltung in Schwerin wollte sie ursprünglich gar nicht fahren, erzählt Stephanie Tietz – sie wollte es ihrem Freund nicht noch zusätzlich schwer machen, indem sie vielleicht in Tränen ausbricht. Aber die gemeinsame Freundin Carmen Dulleck hatte einfach keine Ruhe gegeben – nach dem überraschenden Heiratsantrag war dann auch endlich klar, warum.

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