Kinder von Kamp:

Das lange Warten auf den endgültigen Abschied

Die Initiatoren der Bergung einer am 5. März 1945 über dem Kamper See abgeschossenen Dornier 24 hoffen, die Unglücksmaschine noch 2012 zu heben.

tragisches Schicksal einer Familie

 Erst wenige Jahre vor ihrem Tod fand Edith W. Worte für das Leid, das ihrer Familie in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs widerfuhr. „Wahrscheinlich gehörte das Schweigen zur Bewältigungsstrategie meiner Oma“, sagt Romy W., die Enkelin, nachdenklich. Ihre Großmutter habe sich lieber in die Arbeit gestürzt, sie sei nach außen hin eine unverbesserliche Optimistin gewesen. Am 5. März jeden Jahres war es anders: „Das war in unserer Familie immer ein Trauertag. Innerlich muss Oma sehr gelitten haben“, vermutet Romy.

Vor zwei Jahren ist ihre Großmutter gestorben. Romy W. glaubt trotzdem, dass es wichtig sei, die Geschichte von Edith W. und ihrer Familie zu erzählen – wichtig für ihre Eltern, wichtig für sie als Enkelin, für die ganze Familie. Genauso wichtig sei es, endlich einen Ort zum Trauern zu finden. „Vielleicht ein Denkmal mit den Namen der Familie und der anderen Verunglückten, das wäre schon wichtig“, sagt die 31-Jährige. Im Nordkurier las Romy, die den Nachnamen ihrer Familie nicht in der Zeitung lesen möchte, die vor wenigen Wochen erschienenen Artikel über die im Kamper See abgestürzte Dornier 24. Plötzlich verschränkten sich die Geschichten, die ihr ihre Großmutter von den letzten Tagen im westpommerschen Naugard (Nowogardek) erzählt hatte, mit den Zeitungsberichten.

Mutter wollte die Schwestern in Sicherheit bringen

Was geschah mit ihrer Familie am 5. März 1945: Die Rote Armee stand vor Kolberg. Wie viele andere Einheimische auch wollten Gertrud und Georg W., die Urgroßeltern Romys, ihre Familie in Sicherheit bringen – vor allem die Kinder. Vater Georg brachte seine Ehefrau mit fünf ihrer Töchter zum Fliegerhorst Kamper See: Viola, mit zweieinhalb Jahren die Jüngste, Gisela (9), Inge (10), Eva (12) und Hilde (15). Mutter Gertrud hatte die Hoffnung, mit ihren Töchtern Rügen und damit ein vorerst sicheres Eiland zu erreichen.

Ab dem 2. März flogen die Dorniers der Seenotrettungsstaffel 81 im Minutentakt Flüchtlinge aus. Bekannt war bislang insbesondere die Evakuierung der Kinder aus dem Programm der so genannten Kinderlandverschickung. Zwischen 4000 und 12 000 reichen die geschätzten Zahlen der Mädchen und Jungen, die vom Fliegerhorst ausgeflogen wurden. Das Schicksal von Familie W. zeigt aber, dass auch Teile der deutschstämmigen Bevölkerung zwischen Kolberg und Treptow über den Luftweg evakuiert wurden.

Vater sieht Maschine in den See stürzen

Vater Georg stand am 5. März 1945 noch voller Hoffnung auf der Betonfläche des Fliegerhorstes, als die mit mehr als 70 Passagieren überladene Dornier mit sechs Mitgliedern seiner Familie an Bord schwerfällig von der Wasseroberfläche abhob. Meter um Meter an Höhe gewann das Flugzeug dank seiner drei Motoren, die jeweils 1000 PS leisteten. Doch dann – aller Wahrscheinlichkeit nach einem Geschütztreffer – kippte die Maschine plötzlich nach vorne ab und stürzte in den See. Vor den Augen Hunderter Menschen, die auf die nächsten Flieger warteten. Unter ihnen auch Vater Georg, der vom Ufer aus zusehen musste, wie seine geliebten Töchter und die Ehefrau ertranken. Seine verbliebene Tochter, die damals 20-jährige Edith, arbeitete an dem Tag im Friseursalon. Erst später erfuhr sie, dass sie auf einen Schlag ihre fünf Schwestern verloren hatte.

Romy weiß gut Bescheid über die Geschehnisse, die 67 Jahre zurückliegen. Sie hat sich oft mit ihrer Großmutter Edith unterhalten. Überhaupt spielt die Geschichte ihrer Familie für Romy eine große Rolle. Sie betreibt seit einigen Jahren Ahnenforschung und hat detailliert Namen, Geburts- und Sterbedaten der sieben Geschwister ihrer Großmutter aufgelistet.

Passagiere blieben bislang anonym

Das ist auch für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wichtig. Bislang sind nur die Namen der vierköpfigen Besatzung bekannt, die die Do 24 T-3, Werknummer 1151, so die genaue Bezeichnung des Flugzeugs, steuerten: Flugzeugführer Erich Schulz, Beobachter Ernst Schütt, Bordmechaniker Friedrich Traub und Bordfunker Heinz Bexte. Die Passagiere blieben bislang anonym. Der Grund: In der Hektik der vielen Abflüge vom Kamper Fliegerhorst wurden am Start keine Passagierlisten erfasst, sondern erst nach Landung der Flieger vor der Insel Rügen. Deshalb ist dem Volksbund schon geholfen, wenn dank der Neubrandenburgerin Romy W. wenigstens sechs Insassen der Unglücksmaschine identifiziert werden können.

Zweimal sind die Eltern von Romy mit ihrer Großmutter vor deren Tod in die alte Heimat gefahren. Da der Kamper See bis 2001 Sperrgebiet war, kamen sie nie heran an die Stelle des Unglücks. Falls die Maschine gehoben wird und die Familienmitglieder endlich ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, wird Romy mit ihrer Mutter und ihrem Vater auf jeden Fall wieder nach Polen fahren, um endlich Abschied nehmen zu können.

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung