Feldpost aus Kunduz:

Die Sehnsucht bleibt ein ständiger Begleiter

400 Bundeswehrsoldaten des Panzergrenadierbataillons 401 in Hagenow sind derzeit in Afghanistan. Für unsere Zeitung berichten einige von ihrem gefährlichen Einsatz.

Mittelalter und Moderne nebeneinander
Mittelalter und Moderne nebeneinander

Manche von uns waren in den letzten Wochen bereits mehrfach in der Region Kunduz zu Patrouillen unterwegs, andere längere Zeit außerhalb des Feldlagers eingesetzt. Ein mulmiges Gefühl fährt immer mit, wenn man das Lager verlässt. Dies war natürlich noch mehr der Fall, als bei unserer ersten Patrouille eines unserer Fahrzeuge direkt außerhalb der Lagergrenzen liegen blieb. Mensch und Maschine sind extremen Temperaturen ausgesetzt. Wer will da verübeln, dass die Technik bei 54 Grad Celsius mal versagt? Ein schneller Fahrzeugtausch, und es konnte weitergehen.

Das erste Zusammentreffen mit Afghanen war sehr spannend. Vieles wirkt wie im Mittelalter und dann wieder Einflüsse der Moderne. Auch die Reaktionen auf uns sind vielseitig: Von Daumen hoch zeigen und winken bis Ignoranz ist alles dabei. Die meisten Menschen reagieren jedoch positiv. Die wenigsten Berührungsängste zeigen die Kinder, stets auf der „Jagd“ nach Süßigkeiten. Viele unserer Aufgaben führen wir bereits mit Afghanen gemeinsam durch, insbesondere mit der Afghan National Police. Die Polizisten sind schon ein lustiger Anblick: Die einen mit blauen zerknitterten Uniformen und langen Bärten, die anderen mit akkurater Bügelfalte und frisch rasiert. Fast alle strahlen wenig Elan aus, aber wenn es drauf ankommt, sind sie da und die Zusammenarbeit mit ihnen ist gut.

Schach und Kartenspiele erleben Renaissance

Untergebracht sind wir für den Zeitraum der Zusammenarbeit im Polizeihauptquartier eines Distrikts. Als die Kameraden dort ankamen, waren sie geschockt. Es erwartete sie eine Art Schlafsaal von 6 mal 25 Metern für 25 Soldaten. Dieser Raum dient jedoch nicht nur als Schlafraum, sondern ist auch Wohn-, Arbeits- und Besprechungsraum. Da bleibt nicht viel Platz für den Einzelnen und schon gar keine Privatsphäre. Die sprichwörtliche Kameradschaft zählt jetzt viel.

„Da draußen“ müssen wir uns selbst bekochen. Ein Stimmungsgewinn also, wenn einer in der Truppe Koch gelernt hat oder wenigstens etwas Schmackhaftes zubereiten kann. Wir bekommen die so genannte „Gruppenverpflegung“. Mit Kreativität und Gewürzen stand fast immer etwas Leckeres auf dem Tisch.

Als Soldat ist man solche Situationen gewöhnt. Wer nicht gerade Wache auf dem Turm hat, Patrouille läuft oder fährt, beschäftigt sich im Außenposten, indem er liest, Filme auf dem eigenen Laptop schaut, Musik hört oder Kraftsport macht. Zusätzlich erleben Schach und Kartenspiele eine Renaissance.

Wichtig: Mindestens 6 Liter trinken

Immer mal wieder sind Schüsse zu hören. Ungewöhnlich für europäische Ohren, aber in Afghanistan ganz normal. Manchmal sind es Freudenschüsse in die Luft, zum Beispiel einer Hochzeitsgesellschaft, oder ein anderes Mal will jemand so zeigen, wo er sich gerade befindet, oft ein genutztes Verfahren der afghanischen Sicherheitskräfte.

Etwas Besonderes sind Patrouillen zu Fuß. Allein schon wegen der Vorbereitung. Was muss ich mitnehmen, worauf kann ich verzichten? Jedes unnötige Kilo zu viel wird früher oder später verflucht. Am Ende laufen wir trotzdem voll bepackt los – 30 bis 45 Kilogramm je nach Ausrüstung und Bewaffnung. Da hilft bei diesem Klima nur trinken, um nicht umzukippen. Mindestens 6 Liter, bei manchen sind es bis zum Ende des Tages auch 12. Draußen im Außenposten ist das Wichtigste für alle die Kommunikation mit der Heimat. Selbst die beste Kameradschaft kann Familie und Freunde nicht ersetzen. Die Sehnsucht bleibt ein ständiger Begleiter.

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