Kinder von Kamp:

Es geht vor allem um die Kinder vom Kamper See

Polen und Deutsche sind fest entschlossen, die in den letzten Kriegstagen abgestürzte Dornier 24 aus dem Kamper See zu heben. Die beiden großen Fragen lauten: Wie viel kostet die Bergung und woher kommt das Geld für die aufwändige Hebung der Maschine?

Dornier 24

 Unvorstellbare Hektik herrscht am 5. März 1945 auf dem deutschen Fliegerhorst am Kamper See unweit der Kleinstadt Treptow an der Rega (Trzebiatow). Hunderte Kinder und ihre Betreuerinnen drängen sich am Ufer. Zuvor sollten sie sich fernab ihrer Heimatstädte, die längst Ziel der alliierten Bomber geworden waren, erholen in Lagern der sogenannten Kinderlandverschickung, die es auch an der pommerschen Ostseeküste gibt. Die Sicherheit erweist sich endgültig als trügerisch. Die Kinder wollen fliehen vor der nahenden Roten Armee, die bereits um das knapp 20 Kilometer entfernte Kolberg kämpft.

 

Alle 15 Minuten hebt eines der rettenden Flugzeuge vom Kamper See ab. Schwer beladen sind die Wasserflugzeuge des Typs Dornier 24 (Do 24). Teilweise drängen sich bis zu 100 Mädchen und Jungen in den Maschinen, berichten Augenzeugen später. Im Normalfall passen neben den drei Mann Besatzung noch 15 Passagiere in die Do 24, die eigentlich als Seenotrettungs-Flugzeuge gedacht sind. Die meisten Maschinen starten Richtung Rügen, die Insel ist im Normalfall in knapp einer halben Stunde erreicht.

 

Maschine mit vielen Kindern von Kanonen getroffen

 

Im Normalfall: Am Morgen des 5. März 1945 haben zwei Panzer der Roten Armee die löchrige Front bei Kolberg durchbrochen. Sie stehen am Südufer des Kamper Sees und beschießen mit ihren Kanonen die abhebenden Dornier-Maschinen. Eine Maschine mit etwa 75 Kindern, Betreuerinnen sowie den drei Piloten wird wenige Minuten nach dem Start getroffen. Es gibt keine Chance. Die Maschine versinkt im Kamper See, wo sie bis heute ruht.

 

Fast 67 Jahre später: Miroslaw Huryn steht in einem Hangar des früheren Fliegerhorstes am Kamper See, der jetzt auf Polnisch J. Resko Przymorskie heißt. Die alte Flugzeughalle bildet heute den Kern des „Fort Rogowo“, einer Sammlung diverser Flugzeuge und anderer Militaria, mit denen ein Verein an die Geschichte des Flugfeldes erinnern will. Miroslaw Huryn ist hier der Chef. Was die Geschichte des Unglücksflugs vom 5. März 1945 betrifft, kennt sich der deutsch sprechende Unternehmer mit am besten aus.
 

 

Taucher haben Teile der Unglücksmaschine geborgen

 

Vor einer Gruppe von Polen und Deutschen hält Huryn ein großes Teil aus dem Rumpf der abgestürzten Do 24 hoch. „Das ist der Beweis“, sagt er und löst ein rostiges, schweres Stück Metall als dem Dornier-Aluminium. Laut Huryn kann es sich nur um die Panzergranate handeln, die die Dornier am 5. März traf. Vor zwei Jahren hatten Taucher einige Teil der Unglücksmaschine geborgen, darunter eben auch das Stück aus dem Rumpf, in dem der Granatsplitter steckte. Miroslaw Huryn weiß auch zu berichten, dass es eine Überlebende gab. Die Frau soll kurz nach dem Absturz auf der Maschine gestanden haben, bis zu den Knien im Wasser. Ein Augenzeuge habe das erzählt.

 

Wolfram Althoff, früher Oberst bei der Bundeswehr in Torgelow (Vorpommern-Greifswald), heute Sonderbeauftragter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, schaut etwas ungeduldig. Ihm geht es weniger um technisch-taktische Daten der Flugzeuge der einst hier stationierten deutschen Seenotrettungsstaffel, und auch nicht darum, ob die sowjetischen Panzerschützen das Flugzeug vom Himmel geholt haben im Wissen, dass vor allem Zivilisten an Bord waren. Wolfram Althoff geht es um die Kinder. Er möchte, dass die Mädchen und Jungen endlich ihre letzte Ruhestätte finden. Angehörige einen Ort für ihre Trauer haben.

 

Spendengelder für die Hebung des Flugzeugs sammeln

 

Das zweite Mal sitzt er wegen der Kinder von Kamp am Tisch von Zdiszlaw Matusiewicz, Bürgermeister von Treptow und Initiator des Projekts Dornier-Hebung. Bereits nach einer ersten Beratung im Herbst vergangenen Jahres hatte Althoff zugesichert, dass der Volksbund auf jeden Fall die Kosten für die Bergung der sterblichen Überreste in der Maschine und der Bestattung der Opfer auf der Kriegsgräberstätte von Stare Czarnowo – früher Neumark – übernehmen würde. Doch, so Althoff, ehe der Volksbund helfen könne, weitere Spendengelder auch für die Hebung des Flugzeuges zu sammeln, braucht es belastbare Kostenschätzungen.

 

Als eine erste Zahl durch den Rathaus-Saal in Treptow schwirrt – maximal 500 000 Zloty, umgerechnet 125 000 Euro – schaut vor allem ein Mann ernst in die Runde und schüttelt mit dem Kopf: Aleksander Ostasz übernimmt die archäologische Betreuung des Projekts. Zusammen mit anderen Tauchern holte er vor knapp zwei Jahren die ersten Teile der Do 24 aus dem Kamper See.
 

 

Das Wrack steckt tief im Morast fest

 

Die Maschine liegt zwar nur wenige Meter tief unter der Wasseroberfläche. Doch das Wrack liegt tief im Morast. Zudem lässt sich die Hand vor den Augen nicht sehen, berichtet Ostasz. Er war zwar im Rumpf, aber „wir können nicht sagen, was uns dort unten erwartet“. Um die Bergungskosten seriös schätzen zu können, soll zuerst eine elektronische 3D-Vermessung des Wracks beziehungsweise der Wrackteile von einem Boot aus durchgeführt werden. Auch diese Messung könnte schon mehrere 10 000 Zloty kosten – Geld, das die klamme Gemeinde Treptow nicht im Haushaltssäckl vorrätig hat, sagt Bürgermeister Matusiewicz.

 

Er blickt sich in der Runde um, in der auch Berthold Porath, Direktor des Dornier-Museums in Friedrichshafen am Bodensee, sitzt. Auf Bitten von Althoff hat er die lange Reise vom Süden der Republik bis nach Westpommern auf sich genommen, Geld hat aber auch Porath nicht im Gepäck. Wenn, so der Museumschef gegenüber unserer Zeitung, jemand helfen könne, sei es die Dornier-Stiftung. Er werde das Projekt in der Stiftung auf jeden Fall vorstellen.

 

Neben der Beschaffung des Gelds gilt es auch, umweltrechtliche Genehmigungen einzuholen. Der Kamper See liegt in einem Naturschutzgebiet, deshalb ist neben einer Umweltverträglichkeitsprüfung und der Genehmigung des Marschalls der Wojewodschaft auch eine wasserrechtliche Expertise erforderlich. Trotz aller Hürden: Jan Bach, Mitglied des involvierten Vereins Pomeraniak, ist überzeugt, dass es eine erfolgreiche Unternehmung wird. „Dieses Jahr wird das Jahr der Hebung der Dornier!“

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