Kinder von Kamp:

Schlimme Erinnerungen an die Flucht aus Westpreußen

Die Berichte über die angestrebte Bergung eines deutschen Flugzeuges mit zahlreichen deutschen Kindern hat auch bei Ilse Schroeder viele Erinnerungen wachgerufen. Am 4. März, einen Tag bevor die Dornier 24 abstürzte, wurde ihre Familie mit einem Wasserflugzeug von Kamp aus gerettet.

Familie Sander

 An die „Feier“ zu ihrem 9. Geburtstag am 1. März 1945 kann sich Ilse Schroeder, geborene Sanden, noch gut erinnern. Gemeinsam mit ihrer Mutter Marie und ihren drei Geschwistern Jürgen (damals 11 Jahre), Rosemarie (7) und Erika (5) sowie der Großmutter Emma Sanden (68) begeht sie den Ehrentag in einer Baracke auf dem Fliegerhorst am Kamper See, gelegen zwischen Kolberg und Treptow an der Rega. Mitten zwischen Hunderten unbekannten Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie sind auf der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee, mit der Elend, Gewalt und Tod zurückkommen, die Hitler sechs Jahre zuvor mit seinem Überfall zuerst über Polen, danach über die Sowjetunion gebracht hatte.

Die Mutter hat natürlich kein Geburtstagsgeschenk in ihrem spärlichen Fluchtgepäck. In einer Pfanne brennt sie für ihre Ilse Bonbons aus Butter und Zucker. „Das werde ich nie vergessen“, sagt Ilse Schroeder, die heute mir ihrem Mann in Neubrandenburg lebt.
Ihre Eltern, Marie und Friedrich Sanden, hatten mit ihren vier Kindern eine glückliche Zeit in Deutsch-Eylau, einer Kleinstadt in der westpreußischen Heimat, verbracht. „Mutter und Vatter hatten sich Ende der 30er Jahre gerade ein neues Haus gebaut“, erinnert sich Ilse Schroeder und blättert durch das alte Familienalbum.

Die Puppen bleiben auf dem Bahnsteig

Mit dem Kriegsbeginn 1939 endet das Glück. Der Vater wird zur Wehrmacht eingezogen. Ihre Flucht aus der Heimat beginnt in der Nacht zum 22. Januar 1945. Die Familie findet gerade noch Platz in einem übervollen Zug. „Nur Kinderrucksäcke beziehungsweise Schulranzen mit wenig Inhalt waren unser Gepäck. Die verpackten Betten – unsere Puppen darin eingerollt – blieben auf dem Bahnsteig“, erinnert sich Ilse Schroeder. Wenige Stunden nach dem Aufbruch sei die Innenstadt von Deutsch-Eylau komplett durch die Rote Armee zerstört worden.
„Das war das erste Mal, dass wir in diesen letzten Kriegstagen der Katastrophe entrannen. Wir hatten Glück.“ Doch was heißt Glück in diesen Tagen der Flucht? Mit dem Zug und dem Bus, aber auch viele, viele Kilometer zu Fuß kämpft sich der Treck voran. Es ist ein harter Winter, der Schnee liegt meterhoch. „Ich half oft meiner Großmutter, hielt ihre Hand. Jedesmal, wenn ich dann vorne meine Mutter aus den Augen verlor, hatte ich Angst“, weiß Ilse Schroeder heute noch. Elf Tage und Nächte lang müssen sie in einem kalten Viehwaggon aushalten. Die Kinder wagen sich nicht ins Freie, aus Angst, der Zug rollt in jedem Moment weiter.
 

 

Sechs weitere Kinder als Gefährten

An der Seite der Familie Sanden immer auch sechs fremde Geschwisterkinder – drei Mädchen und drei Jungen – zwischen 4 und 15 Jahren. Elternlose Flüchtlinge, ihr Vater hatte sie in den Zug gesetzt, er wollte sich mit zwei weiteren Kindern, den Jüngsten, auf einem anderen Weg durchschlagen gen Westen. „Die sechs Kinder hatten sich an meine Mutter gehängt, und sie kümmerte sich um sie genauso wie um ihre eigenen Kinder“, erzählt Ilse Schroeder.
Mitte Februar erreichen die Gefährten ein Lager am Fliegerhorst Kamp, wo die Familie drei Wochen bleibt. Bis zum 4. März 1945: Am Morgen schwirren plötzlich Befehle durch die Baracke. „Frauen und Kinder zuerst“, ruft eine laute Stimme. Eine der bemerkenswertesten Evakuierungsaktionen des Zweiten Weltkrieges beginnt. Über eine Luftbrücke werden vom Kamper See aus mit den Wasserflugzeugen der deutschen Seenotgruppe 81 Tausende Menschen nach Wollin beziehungsweise Rügen ausgeflogen. Ab dem 4. März 1945 heben die robusten Dornier 24 im Minutentakt ab – meist völlig überladen mit 60, 70, 80 Passagieren an Bord.
Darunter viele Flüchtlingsfamilien, aber auch Mädchen und Jungen, die zuvor in den Lagern der so genannten Kinderlandverschickung vor den Bombardements auf deutsche Städte in Sicherheit gebracht werden sollten.
 

"Wir sind jedesmal davongekommen"

„Wir hatten Glück“, sagt Ilse Schroeder heute. Da ihre Mutter nicht nur die eigenen vier Kinder unter ihren Fittichen hat, sondern auch für sechs weitere Geschwisterkinder sorgt, handelt es sich plötzlich um eine „Großfamilie“, die zu den ersten gehört, die ausgeflogen wird. Dicht an dicht drängen sich die Menschen in der Maschine, die für maximal 14 Passagiere ausgelegt ist. „Ich musste stehen, und mir wurde schlecht. Ich bin ja damals auch zum ersten Mal geflogen.“
Die Dornier 24 landet sicher in Dievenow (Dziwnów). Doch nur einen Tag später spricht sich die Hiobsbotschaft wie ein Lauffeuer unter den Flüchtlingen herum: Eines der Wasserflugzeuge, möglicherweise sogar die Dornier, mit der die kleine Ilse und ihre Familie ausgeflogen worden war, ist beim Start abgeschossen worden. „Da hatten wir das zweite Mal Riesenglück“, sagt Ilse Schroeder heute ernst. „Wir sind jedesmal gerade so davon gekommen.“

 

Bombardement auf Swinemünde fordert Zehntausende Opfer

Auch in Swinemünde (Swinoujscie). Die Stadt ist Anfang März 1945 vollgestopft mit Trecks aus den Kesseln in Pommern und Westpreußen. Hinzu kommen Tausende Flüchtlinge, die versuchen, sich über die Ostsee aus Ost- und Westpreußen in Sicherheit zu bringen, und die im Hafen von Swinemünde anlanden. Marie Sander verlässt die Stadt mit den zehn Kindern und ihrer Mutter am Morgen des 11. März 1945. Einen Tag später beginnt kurz nach 12 Uhr ein Bombenangriff der US-Air Force, dem bis zu 23 000 Menschen zum Opfer fallen.
Ilse Schroeder und ihre Familie haben ein drittes Mal Riesenglück. Mit dem Zug erreichen sie über Züssow, Anklam und Demmin Stavenhagen. Von dort geht es mit dem Pferdewagen weiter in das Dörfchen Zwiedorf.
Noch einmal aber ereilen die Familie die Schrecken des Krieges: Eine Cousine ihres Vaters stirbt nach mehrfachen Vergewaltigungen und Misshandlungen durch sowjetische Soldaten sowie geschwächt von der Flucht am 16. November 1945. „Sie wurde nur 21 Jahre alt“, sagt Ilse Schroeder. Sie klappt das Album mit den Bildern der Kindheit zu.
Ihr eigener Vater wird 1947 aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Der Vater der sechs Geschwisterkinder, die schon längst keine fremden mehr für Familie Sanden waren, findet 1950 über eine Suchanzeige seine verschollenen Mädchen und Jungen. Er holt sie an den Bodensee, wohin es ihn verschlagen hat. Nach der Wende spürt Ilse Schroeder die einstigen Gefährten wieder auf, als sie ein Klassentreffen organisiert. Vier aus dem Sextett leben seinerzeit noch, heute sind es nur noch zwei. „Ich habe den beiden die Berichte über das abgeschossene Flugzeug vom Kamper See geschickt und bin gespannt, wie sie reagieren.“
 

Lange Zeit geschwiegen über Vertriebenen-Schicksal

Ilse Sanden verlässt Zwiedorf 1951, macht Abitur in Malchin, arbeitet später bei der Energieversorgung in Neubrandenburg, wo sie auch ihren Mann kennenlernt. Ihre Eltern leben bis 1963 in beengten Verhältnissen in Zwiedorf, ziehen später zu den Töchtern in die Viertorestadt.
Noch einmal 1976 besucht Ilse Schroeder mit einer ihrer Schwestern und den Eltern die alte Heimat. „Wir haben auch unser Haus in Deutsch-Eylau im Thorner Weg 5 gefunden. Eine Frau hat uns bereitwillig durch alle Räume geführt.“ Doch über das Schicksal von Familie Sanden und all die anderen Millionen Flüchtlinge aus den früheren deutschen Gebieten im heutigen Polen und der Sowjetunion zu sprechen, ist zu DDR-Zeiten unerwünscht. Der offizielle Begriff Umsiedler kaschiert viel Leid.
Ilse Schroeder macht auch heute nicht viel Aufhebens um ihr Leben. Sie sagt, andere hätten im Krieg viel schlimmeres Leid erfahren. Heute engagiert sich Ilse Schroeder gleich in zwei Vereinen, die die Erinnerung an die alte Heimat pflegen: Im Heimatverband der Ost- und Westpreußen in Neubrandenburg sowie in der Landesgruppe MV der Landsmannschaft Ostpreußen. Nicht ohne Grund: „Ich hatte wunderbare Eltern. Es ist heute unvorstellbar, was sie damals durchgemacht haben. Ihnen zu Ehren engagiere ich mich.“
 

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