Viele Opfer bleiben anonym:

Teil 4: Ein Schiff voller Toter

Die Titanic ist ein Mythos und ein Symbol. Sie steht für den Größenwahn der Menschen, die Fehlbarkeit der Technik und vieles mehr. Für Rob Gordon ist die Titanic mehr als das. Sie ist Teil seiner Familiengeschichte.

Rob Gordon
Jörg Michel Rob Gordon auf dem „Fairview Lawn“ Friedhof bei Halifax.

Rob Gordon ist 57 Jahre alt, arbeitet als Fernsehreporter und lebt in Halifax. An einem sonnigen Tag im März steht er auf dem „Fairview Lawn“ Friedhof ein paar Kilometer außerhalb der Stadt vor dunkelgrauen Granitblöcken. Hier fanden 121 Verunglückte der Titanic ihre letzte Ruhe.

Anonyme Tote begraben

„Hier könnte er liegen“, sagt Gordon und zeigt auf einen Grabstein.  Auf der Oberfläche steht: „Gestorben am 15. April 1912“. Es ist das Datum, an dem die Titanic sank. Darunter die Zahl 237. Es ist die Nummer des Toten. Er ist anonym. In den offiziellen Listen der „White Star Line“ wird er so beschrieben: männlich, Alter etwa 20 Jahre, 145 Pfund, grauer Anzug, silberne Uhr. Ob es Charlie Fortune ist? Gordons entfernter Verwandter?

Die Geschichte der Suche beginnt im Frühjahr 1912. Die Fortunes, eine Unternehmer-Familie aus Winnipeg, sind auf Europareise. Mit dabei Charlie, der mit 19 Jahren jüngste Spross der Familie. Dazu Charlies ältere Schwester Ethel. Die 28-Jährige hat sich in Europa ein Hochzeitskleid gekauft für ihre Vermählung mit dem Banker Crawford Gordon – Robs Großonkel.

Eine Reise, die ruhig etwas kosten darf

Am 10. April besteigen die Fortunes die Titanic. Für die Reise haben sie auf dem C-Deck drei Kabinen in der ersten Klasse gebucht: 23, 25 und 27. Sie zahlen 263 Pfund. Das ist es ihnen wert. Schließlich gilt die Titanic als das luxuriöseste und sicherste Passagierschiff der Welt.

Die ersten Tage an Bord sind ruhig. In der Nacht des 14. April ändert sich das Wetter.  Ethel und Charlie Fortune haben sich in ihre Kabinen zurückgezogen. Um 23 Uhr 40 spüren sie ein Zittern des Schiffes, machen sich aber keine Gedanken.

Nur noch zwei Stunden und 40 Minuten bis die Titanic sinkt

Die Titanic befindet sich zu diesem Zeitpunkt etwa 1300 Kilometer südöstlich von Halifax. Die Nacht ist pechschwarz. Der Mann im Ausguck hat den Eisberg zu spät gesehen. Der Eisberg schlitzt die stählerne Außenhaut auf. Ab jetzt dauert es nur noch zwei Stunden und 40 Minuten, bis die Titanic sinkt.

Rob Gordon kennt das Geschehene aus Erzählungen der Familie. Besonders bewegt ihn das Schicksal von Ethel und Charlie. „Sie wurden alarmiert, haben aber bis zum Schluss nicht geglaubt, dass die Titanic tatsächlich sinkt“, erinnert er sich. „Sie haben die Hektik an Bord für übertrieben gehalten und sich lange geweigert, in die Rettungsboote einzusteigen. Ethel ist sogar in ihrer Schwimmweste zurück in die Kabine gegangen, um sich schlafen zu legen.“

25 Minuten vorm Untergang befiehlt Steward Rückkehr an Deck

In der Kabine trifft Ethel auf einen Stewart. Er befiehlt ihr die Rückkehr an Deck. Es sind noch 25 Minuten bis zum Untergang. Die Frauen dürfen in die Boote, die meisten Männer bleiben an Deck. Ethel reicht Charlie ihr Geld und ihren Schmuck. Bei ihrem Bruder wähnt sie die Gegenstände sicherer. Noch immer glaubt sie an einen nur kurzen Abschied. Dann springt sie in das Rettungsboot Nummer 10.

Als sich das Rettungsboot senkt, steht Charlie an der Reling und winkt. Ein letzter Blick, dann verlieren sich die Geschwister aus den Augen.  Acht Stunden lang treibt Ethel mit ihrer Mutter, ihren Schwestern und 27 weiteren Überlebenden im Rettungsboot. Dann taucht das Handelsschiff „Carpathia“ auf und nimmt die Frauen an Bord. Sie gehören zu den 715 Überlebenden. 1500 Passagiere sterben. Darunter Ethels Bruder Charlie.

Einige Spuren von Charlie führen nach Halifax

Doch bis heute ist nicht restlos geklärt, was mit Charlie geschehen ist. Wahrscheinlich wird er vom Schiff mit in die Tiefe gerissen und später nicht geborgen. Ganz sicher ist das aber nicht. In den Passagierlisten wird er als „verschollen“ geführt.

Doch es gibt auch andere Spuren.  Sie führen nach Halifax. Die Stadt spielt bei der Bergung der Toten eine wichtige Rolle. Kurz nach der Katastrophe heuert die „White Star Line“ in Halifax einige Schiffe an und beauftragt den Bestatter John Snow mit der Arbeit. Die Stadt liegt dem Unglücksort näher als jeder US-Hafen.

Leichen schwimmen auf dem Meer

Am 17. April legt das erste Bergungsschiff ab.  Nach drei Tagen erreicht die „Mackey-Bennett“ den Unglücksort. Noch immer schwimmen Leichen auf dem Meer. Die meisten tragen ihre Schwimmwesten, stehen aufrecht im Wasser und sehen aus, als würden sie schlafen. Ob auch Charlie Fortune darunter ist?

Snow holt 306 Tote an Bord. Manche Leichen werden auf See bestattet. Andere werden in einen Sarg gelegt. Am 30. April kehrt Snow mit 190 Toten zurück. 19 werden später von anderen Schiffen gebracht.

Ein Viertel der Toten bleibt namenlos

Aus der ganzen Welt reisen Angehörige an um die Opfer zu identifizieren. Am Ende bleibt etwa ein Viertel der Toten namenlos. 59 Geborgene werden nach Hause zu ihren Familien überführt, 150 bleiben in Halifax. Sie werden auf drei Friedhöfen bestattet. Denkbar, dass auch Charlie Fortune hier ruht. Die Beschreibung für Grab 237 jedenfalls passt: Charlie trug meist einen Anzug, hatte wahrscheinlich eine silberne Uhr und war 19 Jahre alt. Doch das gilt womöglich für viele Passagiere.

Es gäbe einen Weg, es herauszufinden. In den letzten Jahren sind einige Gräber geöffnet worden. Forensiker haben mit DNA-Analysen einer Handvoll bislang anonymen Toten einen Namen gegeben. Doch das ist umstritten. Es ist eine Frage, die auch Rob Gordon umtreibt. Soll er nach Charlie Fortune suchen?

Ethel versucht zu vergessen

Die Geschichte endet im Ungewissen. Ein Jahr nach der Katastrophe heiratet Ethel Gordons Großonkel. Ihrem Bruder Charlie bleibt Ethel bis zuletzt im Traum verbunden. Sie stirbt 1961 mit 77 Jahren. Kurz vor ihrem Tod ist Ethel zu Besuch in Halifax. Rob Gordon ist fünf Jahre alt, als er sie trifft.

Ein Bild will ihm nicht aus dem Kopf: „Ethel trug einen riesigen Hut, elegante Klamotten und ihr selbstbewusstes Auftreten hat mich total eingeschüchtert.“ Irgendwann traut sich Gordon, Ethel nach der Titanic zu fragen. Doch er bekommt kaum noch Antworten. Ethel hatte das Kapitel geschlossen.

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