Historischer Untergang:

Teil 5: Das Ende einer Ära

Die Titanic, damals das größte bewegliche Objekt, das je von Menschen gebaut wurde, sinkt am 15. April 1912. Mit dem „White Star Line“-Star ging auch der menschliche Wunderwahn von der Allmacht seiner Technik und Intelligenz in knapp 4000 Meter Tiefe mit auf Grund.

Untergang Titanic
Repro (kb) Die Titanic sinkt: freie Darstellung des deutschen Marinemalers Willy Stöwer vom Mai 1912.

„Es hat lange gebraucht, bis ich wirklich eine Vorstellung von den Ausmaßen der Titanic bekam. Sie war 269 Meter lang, 60 000 Tonnen schwer – dieses Ding war ein Monster”, sagt Hollywood-Regisseur James Cameron heute, 15 Jahre nach seinem bisher aufwendigsten und kommerziell erfolgreichsten Titanic-Film aller Zeiten von 1997 – sowie ein Jahrhundert nach dem „Seemannstod“ seiner „Hauptdarstellerin“.

Der knapp drei Stunden währende „Todeskampf“ des „Königlichen Postdampfers“ ist uns aus zahllosen Artikeln, Sachbüchern, Romanen, Dokumentar-Sendungen sowie aus Spiel- und Fernsehfilmen bekannt: Das schwimmende Märchenschloss und Luxushotel sank in der Nacht vom Sonntag, den 14. auf Montag, den 15. April 1912.

Das größte, modernste und vor allem sicherstes Passagierschiff der Welt

Die Titanic befand sich vor 100 Jahren auf ihrer Jungfernfahrt von Southampton/ England nach New-York-Harbor. Der britische Luxusliner der Reederei „White Star Line“ mit dem aus der griechischen Mythologie entlehnten Namen reklamierte für sich, mit seinen 269 Metern Länge, 28 Metern Breite sowie 53 Metern Höhe vom Kiel bis zum Schornstein das größte, vor allem aber modernste und sicherste Passagierschiff der Welt zu sein.

Der RMS (Royal Mail Steamer) Titanic steht für das Beste, was die Menschheit zu bieten hat, um den Naturgewalten zu trotzen. Der Ozeanriese ist damals das größte bewegliche Objekt, das je gebaut wurde. Er galt als unsinkbar. Daher glaubten viele Experten, die Gefahren der Seefahrt seien mit der neuen Generation großer Dampfer überwunden.

Die „Schiffskatastrophe aller Schiffskatastrophen“

Ein tödlicher Irrtum: Ein Eisberg, im Nordatlantik in voller Fahrt gerammt, riss unter der Wasserlinie sechs schmale Lecks in die vordere Flanke. Das reichte, um den Luxusliner in jener kalten, windstillen, lichtarmen Neumond-April-Nacht mit etwa 1500 seiner rund 2200 Passagiere und Besatzungsmitglieder in die Tiefe zu reißen: vom Milliardär und Millionär (57 waren an Bord), über den Kapitän, den Schiffsoffizier, über den Heizer bis zu armen Amerika-Auswanderern tief unterm Hauptdeck in der Dritten Klasse.

Seit dieser „Schiffskatastrophe aller Schiffskatastrophen“ blieb in der Seefahrt nichts mehr wie es war. Seither steht die Titanic als Synonym für ein vom menschlichen Hochmut genährtes Unglück. Mit ihr geht auch der menschliche Wunderwahn von der Allmacht der Technik und der vorausschauenden, jedes Problem lösenden Intelligenz in knapp 4000 Meter Tiefe mit auf Grund.

Finales Sinnbild des 19. Jahrhunderts

Die Titanic war und bleibt ein finales Sinnbild des überlangen 19. Jahrhunderts der „Industriellen Weltrevolution“. Die Katastrophe steht für das Ende einer Sieben-Meilenstiefel-Zeit mit bislang nie da gewesenem Fortschritt auf allen Gebieten.

Dieser Ausgang wird mit dem unvorstellbaren Untergang des Stolzes der britischen Zivilflotte eingeläutet. Dann, im Blutbad der Schützengräben des Ersten Weltkrieges, findet jene vor Zukunftsoptimismus strotzende Zeit ihr grausiges Finale.

Jahrtausendealte Träume werden Realität

In der Tat haben Menschen im Jahr 1912 einigen Grund, sich auf die Schultern zu klopfen. Damals gerieten zum Teil Jahrtausende alte Träume in den Bereich der Realität. Die Grenzen des Machbaren hatten sich radikal verschoben. Der Mensch begann, Barrieren von Raum und Zeit niederzureißen, die als unüberschreitbar gegolten hatten.

Für die meisten großen Utopien gab es jetzt Lösungen oder Lösungsansätze. Die Menschen hatten dank immer besserer und größerer Maschinen gelernt, große Distanzen bequemer und schneller als zuvor zu Fuß, zu Pferde, in der Kutsche oder im vom Wind abhängigen Segler zu überwinden.

Untergang der „Unsinkbaren“ riss viele aus dem Zukunftswahn

Der Siegeszug des Automobils stand bevor. Zeppeline und Flugzeuge schwirrten durch die Lüfte. Als größtes Wunder aber erschienen unseren Urgroßeltern damals solch stählerne, schwimmende Paläste wie die Titanic. Um so heftiger traf sie der Schock.

Der Untergang der „Unsinkbaren“ riss viele aus ihrem Zukunftswahn. Die Titanic und ihre ältere Schwester, die Olympic, galten dank ihrer Wasserschutztüren zwischen den 16 abschottbaren Hauptabteilen des Rumpfes als Wunder der Sicherheitstechnik. Spätestens im September 1911, als der Kreuzer „HMS Hawke“ bei voller Fahrt mit seinem betongefüllten Unterwasserrammsporn die Flanke der Olympic rammte und der Ozeanriese dennoch stabil im Wasser schwamm, stand das Urteil „unsinkbar“ unumstößlich fest.

Die Natur überlistet den Menschen

Doch die Natur überlistete den superklug vorausrechnenden Menschen. Sie bediente sich hierbei gut 300 000 Tonnen im Meer treibenden gefrorenen Gletscherwassers. Der Eisberg platzierte seine „Kratzer“ in der Schiffshaut so „raffiniert“, dass der Luxusliner keine reale Überlebens-Chance mehr hatte.

Seit 1985, als das Titanic-Wrack wieder gefunden wurde, kann auch der von Schiffsbauexperten stets bezweifelte Nonsens, die Titanic sei von einem eisigen Sporn wie eine Sardinenbüchse auf eine Länge von 100 Metern aufgeschlitzt worden, widerlegt werden.

Kleine Lecks mit großer Folge

Seither wissen wir: der Luxusliner sank in der Anfangsphase wegen sechs schmaler Lecks von ein bis knapp 14 Meter Länge, die sich insgesamt nur zu einer Leckfläche von 1,18 Quadratmetern summieren. Bereits diese kleine Fläche reichte aber in sieben Metern Tauchtiefe für einen Einstrom von Tonne um Tonne Meerwassers im Sekundentakt aus, der für die Anfangsphase des Sinkprozesses anhand der Flutungsgeschwindigkeit berechnet wurde.

Die sechs Lecks verteilten sich auf der Steuerbordseite etwa gleichmäßig auf die vom Bug aus gesehen ersten sechs von insgesamt 16 mit wasserdichten Schotten voneinander getrennten Hauptsektionen des Schiffes. Jene Risse in der stählernen Außenhaut waren keine Eis-Schnitte, sondern durch das Trommeln der vorderen Steuerbordseite auf die Eiswand aufgerissene Nietnähte zwischen den Stahlplatten der Außenhaut.

Titanic hätte nicht sinken müssen

Zudem, auch das wissen die Experten als wohl bitterste Wahrheit jetzt genau: Hätte die Titanic in der Unglücksnacht nur eines dieser sechs Primär-Lecks nicht davongetragen, hätte sie sich bei der ruhigen See in relativ stabiler Lage noch viele Stunden länger halten können. Wahrscheinlich alle Frauen, Männer und Kinder an Bord hätten die Katastrophe überlebt.

Gut einen Monat nachdem die Titanic sank, wurde am 23. Mai 1912 in der Vulcan-Werft zu Hamburg die Imperator zu Wasser gelassen. Am 11. Juni 1913 in Dienst gestellt, galt der neue Superdampfer „Made in Germany“ jetzt als das größte und sicherste Schiff der Welt. Kaiser Wilhelm II., bekennender Marinenarr und geistiger „Vater“ der Deutschen Schlachtflotte, tönt hinterdrein: „Weiterhin Kurs halten und mit Volldampf voraus!“