«1913» erstmals auf der Bühne

Die Erwartungen an die Uraufführung im Theater Oberhausen waren hoch, denn Florian Illies' «1913» ist ein Bestseller.

«1913» erstmals auf der Bühne
Roland Weihrauch «1913» erstmals auf der Bühne

Der Autor, der sich in Feuilletons namhafter Blätter getummelt und mit «Generation Golf» ein viel diskutiertes Buch über die Nach-68er vorgelegt hat, trägt in dem Buch ein Panorama des Jahres 1913 zusammen. Darin finden sich vor allem Anekdoten von Künstlern, Politikern und Prominenten, die wenig Zusammenhang miteinander haben und dennoch eine Krisenstimmung evozieren - als habe 1913 schon der Ausbruch des Ersten Weltkrieges in der Luft gelegen.

Vor allem sensible Künstler kündeten damals vom Epochenbruch, von den Gefahren der Moderne. Illies gliedert sein Jahresporträt, den Monaten folgend, in zwölf Teile, zitiert, fasst zusammen, erklärt & erläutert, kommentiert und plaudert aus dem Nähkästchen - der Autor setzt seine Belesenheit ins hellste Licht.

Ist es möglich, ein solches Buch auf die Bühne zu bringen? Vlad Massaci, sein Dramaturg Rüdiger Bering und Intendant Peter Carp halten sich mit ihrer am Freitagabend präsentierten Bühnenfassung für das Oberhausener Theater eng an Illies' Vorlage, aber sie kürzen stark. Große Persönlichkeiten treten, von Schauspielern verkörpert, leibhaftig auf: Thomas Mann, Oskar Kokoschka, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, Franz Kafka. Doch die Schauspieler beschreiben auch die Figur, die sie spielen - Distanzen fallen.

Heraus kam eine Revue - links vorn an der Rampe sitzt ein Pianist am Flügel, vier Schauspielerinnen und acht Schauspieler schlüpfen in verschiedene Rollen. Auf der Bühne agieren also 13. Eine Unglückszahl (1913!), die der Komponist Arnold Schönberg fürchtet: Die Szene ist komisch, schon das Nennen der Dreizehn bringt den Zwölftöner zum Zittern.

Eine übertriebene Szene - es bleibt nicht die einzige. Ein ganzer Charakter wird verzeichnet: Kafka erscheint wegen seiner Scheu und seiner Befangenheiten als Clown - die andere Seite des Dichters, seine Schöpferkraft, bleibt im Schatten. Gewiss, auch Illies' «1913» ist heiter, er nähert sich den großen Geistern meistens respektlos. Aber auf Oberhausens Bühne kippen die Auftritte der Künstler häufig ins Alberne: sie erscheinen als Sonderlinge, ein Bild, das Spießer gern von großen Geistern malen.

Gleichwohl wirkte die Uraufführung am Freitagabend im Großen Haus des Theaters Oberhausen aus einem Guss, das Ensemble spielte engagiert, bei den Textmassen, die es bewältigte, fallen kleine Textunsicherheiten kaum ins Gewicht. Der Beifall war entsprechend einhellig und mehr als nur anerkennend.

Trotz des Erfolgs beim Publikum: Die gleichen Fragen wie bei Illies' großem Aufsatz bleiben auch bei der Bühnenversion. Wie hängen Sensibilität und Genie zusammen? Wenn immer wieder die Krankheitsbezeichnung Neurasthenie bemüht wird, so liegt die Gefahr nahe, die Künstler als Kranke ins Abseits zu stellen. Aber war nicht vielleicht die Epoche krank? Und das führt zur Frage, ob der 1914 ausbrechende Erste Weltkrieg 1913 schon zu erkennen war - und die drängendere, weil aktuellere: Ist unser Jahr, 2013, hundert Jahre später, auch ein Vorkriegsjahr? Steht eine Katastrophe unmittelbar bevor, ohne dass wir auch nur eine Ahnung haben? Tanzen wir auf dem Vulkan?

Weder Illies' Buch noch die Bühnenbearbeitung beantworten diese Fragen. Der kritische Zeitgenosse sollte wohl besser in diesem Bereich bei Historikern Rat suchen und die Analyse der Anekdote vorziehen. Nach der Lektüre wie dem Theaterbesuch fällt jedenfalls das Urteil ganz ähnlich aus: Gewogen und für zu leicht befunden.