25 Jahre Deutsche Einheit: Freude und neue Herausforderungen

Die Integration von Flüchtlingen ist nach Ansicht von Bundespräsident Joachim Gauck für Deutschland eine größere Aufgabe als die Wiedervereinigung.

«Wie 1990 erwartet uns eine Herausforderung, die Generationen beschäftigen wird. Doch anders als damals soll nun zusammenwachsen, was bisher nicht zusammen gehörte», sagte das Staatsoberhaupt am Samstag beim Festakt zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit in Frankfurt am Main. Auch damals habe es kein historisches Vorbild gegeben, trotzdem hätten Millionen Menschen die Aufgabe angenommen und bewältigt.

Der zentrale Festakt in der Frankfurter Alten Oper, an der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teilnahm, war der Höhepunkt der Einheitsfeiern in Deutschland. In Frankfurt und Berlin feierten Hunderttausende Menschen den Jahrestag. In der Hauptstadt musste die Festmeile am Brandenburger Tor wegen Überfüllung teilweise geschlossen werden.

Bei einer Jubiläumsfeier am Reichstag mahnte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), die deutsche Einheit und das Zusammenwachsen Europas nicht als Selbstverständlichkeit zu sehen. «Glücklichere Zeiten gab es in Deutschland nie», sagte er. «Aber wir alle sollten heute nicht für selbstverständlich halten, was wir jahrzehntelang für ausgeschlossen gehalten haben.» Das Glück der Einheit sollte Ermutigung sein, neue Herausforderungen anzugehen.

Gauck würdigte die Leistungen der Bürgerrechtsbewegung in der DDR auf dem Weg zur Wiedervereinigung. Mit ihrem Aufbegehren von 1989 hätten die Ostdeutschen den Westdeutschen ein großes Geschenk gemacht, sagte er beim zentralen Festakt in Frankfurt. «Die friedliche Revolution zeigt: Wir Deutschen können Freiheit.» Umgekehrt hätten die Westdeutschen auch den Ostdeutschen ein Geschenk gemacht: das Grundgesetz, eine funktionierende Demokratie, eine unabhängige Justiz und das Sozialsystem. Etliche DDR-Bürgerrechtler saßen bei der Feier in der ersten Reihe.

Die neuen Aufgaben seien auch mit strittigen Debatten verbunden, sagte Gauck. «Lassen Sie aus Kontroversen keine Feindschaften entstehen.» Europa stehe «mitten in einer Zerreißprobe». Noch habe der Druck die Staaten nicht zusammengeführt. «Allerdings zeigen die jüngsten Entscheidungen der Europäischen Union, dass die Einsicht wächst: Es kann keine Lösung in der Flüchtlingsfrage geben - es sei denn, sie ist europäisch.»

Gauck äußerte Verständnis für Ängste in der Bevölkerung. Es spüre wohl fast jeder, wie sich in die große Hilfsbereitschaft der Menschen auch Sorge schleiche. «Dies ist unser Dilemma: Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.»

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief zur internationalen Zusammenarbeit auf. Es müsse eine faire Aufgabenteilung geben, sagte sie vor dem offiziellen Festakt. Noch nie habe es so viele Flüchtlinge gegeben. «Das müssen wir gemeinsam schaffen, Deutschland, Europa und die Welt.»

Gastgeber war Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Der Festakt zum Tag der Deutschen Einheit ist immer in dem Bundesland, das aktuell den Vorsitz im Bundesrat hat. Auch der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière waren gekommen.

An Helmut Kohl, der aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein konnte, sandte Bouffier Dank für dessen historische Leistung als «Kanzler der Einheit». Auch eine Gruppe von Flüchtlingen nahm auf Einladung der hessischen Landesregierung am Festakt teil.

Am Nachmittag stürmten rund 50 Demonstranten das Bundesratszelt in Frankfurt und verzögerten die symbolische Übergabe der Bundesratspräsidentschaft. Die Demonstranten warfen mit Karteikarten und Papierschnipseln um sich und verlangten ein Bleiberecht für Flüchtlinge. Die Polizei drängte die Protestierer nach kurzer Zeit nach draußen. Die Präsidentschaft des Bundesrates wurde mit Verzögerung von Hessen an Sachsen übergeben.

Auch in anderen Orten Deutschlands gab es Veranstaltungen zum Jahrestag. So kamen rund 8000 Menschen zur Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn (Sachsen-Anhalt). Viele Feierlichkeiten standen unter dem Eindruck der aktuellen Flüchtlingskrise. So sagte Sachsens Vize-Regierungschef Martin Dulig (SPD) bei einer Feierstunde: «Wir stehen vor schweren Entscheidungen, gerade was unsere Grenzen, auch die äußeren Grenzen, betrifft.»