Abgas-Ärger und kein Ende: VW steckt tief in der Problemzone

Knapp zwei Wochen nach dem Bekanntwerden des weltweiten Abgas-Skandals kommt Europas größter Autobauer Volkswagen nicht aus der Problemzone. 

In Frankreich und Deutschland drohen wegen der Manipulationen bei Diesel-Fahrzeugen weitere Prozesse, Kanzleien suchen im Heimatmarkt der Wolfsburger nach Geschädigten für Sammelklagen, in Mexiko stehen am Samstag die Bänder still.

Auch die kommende Woche verspricht nicht ruhiger zu werden. Am Dienstag spricht der neue VW-Chef Matthias Müller in Wolfsburg erstmals zu den Beschäftigten, tags darauf steht schon die nächste Krisensitzung des Aufsichtsrates auf dem Programm. Als genüge dies nicht, muss am Donnerstag der US-Chef von VW, Michael Horn, im amerikanischen Kongress Rede und Antwort stehen.

Initiator für den neuen Ärger in Deutschland ist ein Privataktionär aus Baden-Württemberg, der am Freitag beim Landgericht Braunschweig eine Schadenersatz-Klage eingereicht hat, wie ein Gerichtssprecher bestätigte. Der Mann hatte im April und Juli VW-Vorzugsaktien gekauft und möchte diese Transaktion nun rückabwickeln, teilte seine Kanzlei mit. Laut seiner Anwälte habe der Kläger rund 20 000 Euro verloren.

Die Anwälte argumentieren, dass sich VW wegen einer Reihe von unterlassenen sowie unvollständigen Kapitalmarkt-Informationen gegenüber seinen Aktionären schadenersatzpflichtig gemacht habe. Volkswagen wollte den Fall nicht kommentieren; der Vorgang sei ihm nicht bekannt, sagte ein Sprecher. Die Klage wurde den Angaben des Gerichts zufolge noch nicht an den Konzern zugestellt.

In die gleiche Kerbe schlagen inzwischen auch mehrere deutsche Kanzleien, die Gemeinschaftsklagen vorbereiten. Auch in den USA arbeiten Rechtsanwälte an Sammelklagen enttäuschter VW-Kunden, unabhängig davon drohen VW zudem Milliardenstrafen der Behörden.

«Mir ist bewusst, dass Sie als Aktionäre des Konzerns viele Fragen haben, auf die Sie gern eine Antwort hätten», heißt es derweil in einem auf der VW-Internetseite veröffentlichten Brief von Konzernchef Müller an die Aktionäre. «Ich versichere Ihnen, dass ich Ihnen Antworten geben werde». Dafür bat Müller aber um Zeit.

Auch die französische Justiz leitete inzwischen Vorermittlungen wegen schweren Betrugs gegen VW ein. In Frankreich sind rund 950 000 Autos von den Manipulationen betroffen. Die Regierung kündigte als Reaktion Stichproben der Abgaswerte von 100 Fahrzeugen an und erwägt auch, Fördergelder für umweltfreundliche Autos von VW zurückzufordern.

Der Skandal wird nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur auch den VW-Aufsichtsrat erneut beschäftigen. Am Mittwoch wird das 20-köpfige Kontrollgremium abermals zu einer Krisensitzung in Wolfsburg zusammenkommen.

Dabei soll nach dpa-Informationen auch der Präsidiumsbeschluss zur Wahl des bisherigen VW-Finanzchefs Hans Dieter Pötsch in den Aufsichtsrat abgesegnet werden. Anschließend soll Pötsch vom Amtsgericht Braunschweig als Aufsichtsrat bestellt werden, um dann dessen Vorsitzender zu werden. Seitens der IG Metall gibt es aber immer noch Kritik an der Personalie.

Einen Tag zuvor soll es am Dienstag auf dem Werksgelände zudem eine Betriebsversammlung für die VW-Mitarbeiter geben. Dann wird Müller auch erstmals das Gespräch mit den Beschäftigten suchen. An der Parlamentsbefragung von VW-US-Chef Horn am kommenden Donnerstag werden auch Vertreter der US-Umweltbehörde EPA teilnehmen, die den Fall ins Rollen gebracht hatte.

Am Freitag wurde zudem bekannt, dass die EPA auch BMW-Fahrzeuge unter die Lupe nehmen wird. Entsprechende Pläne seien dem Unternehmen bekannt, sagte ein BMW-Sprecher und bestätigte damit entsprechende Informationen der «Financial Times». «Nachdem wir uns immer an Vorschriften und Regeln gehalten haben, gehen wir davon aus, dass uns keine negativen Überraschungen erwarten.»

Unklar blieb zunächst, ob auch andere Hersteller genauer geprüft werden. Ein Daimler-Sprecher sagte, eine offizielle Anfrage sei den Stuttgartern noch nicht bekannt. «Aber natürlich werden wir die Behörden jederzeit vollumfänglich unterstützen.» Die Behörden führten ohnehin regelmäßige Überprüfungen durch.

Im weltweit zweitgrößten VW-Werk im mexikanischen Puebla wurden unterdessen die ursprünglich für Samstag geplanten Sonderschichten gestrichen. In dem Werk werden mehr als 500 000 Fahrzeuge pro Jahr gefertigt. Ein Großteil ist für den Export in die USA bestimmt.

Zumindest für die Besitzer von möglicherweise betroffenen Dieselautos gibt es aber einen kleinen Lichtblick: Nach Audi will auch VW noch am Freitag eine spezielle Internetseite einrichten, in der über die Fahrgestell-Nummern überprüft werden kann, ob ein Wagen von den Manipulationen betroffen ist, sagte ein VW-Sprecher.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) forderte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) auf, einen Runden Tisch «Verantwortung im Automobilmarkt» einzurichten. Ziel müsse es sein, für mehr Markttransparenz, bessere Regulierung und ausreichende Kontrolle zu sorgen. So ließe sich auch das Vertrauen der Verbraucher in die Autobranche zurückgewinnen, sagte vzbv-Chef Klaus Müller.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) betonte auf einer Spanien-Reise, die VW-Mitarbeiter dürften nicht zu den Leidtragenden der Affäre werden. Niemand, der bei VW arbeite, dürfe dafür büßen müssen, dass sich einige im Management kriminell verhalten hätten.

Vor zwei Wochen war herausgekommen, dass Volkswagen in den USA mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert hatte. Weltweit sind laut VW elf Millionen Fahrzeuge betroffen, davon rund 2,8 Millionen in Deutschland. Bereits am 3. September soll Volkswagen gegenüber der EPA die Manipulationen eingeräumt haben.

Der VW-Aktie findet indes weiter kaum Halt. Am Freitag rutschten die Vorzugspapiere an der Frankfurter Börse nochmals ab - zwischenzeitlich so tief wie seit Oktober 2011 nicht mehr. Seit dem Bekanntwerden des Abgas-Skandals brachen sie um rund 43 Prozent ein.