Abgas-Krise bremst VW: Weniger Motoren, weitere Klagen

Im Abgas-Skandal drohen Volkswagen neben Schadensersatzansprüchen und Sammelklagen weitere Kosten. Frankreich und Spanien erwägen, Subventionen zurückzufordern. Bevor das Aufsichtsrats-Präsidium Schlüsse aus internen Untersuchungen zog, gab es bei Porsche einen Führungswechsel.

Der bisherige Produktionsvorstand Oliver Blume folgt auf den früheren Porsche-Chef Matthias Müller, der vergangene Woche neuer VW-Konzernchef wurde. Sein bisheriger Sprecher Hans-Gerd Bode ersetzt den Leiter der VW-Konzernkommunikation, Stephan Grühsem, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Konzernkreisen.

Nach Informationen des «Manager Magazin» wurden bereits ein Dutzend VW-Mitarbeiter beurlaubt. Sie seien an Entwicklung und Einsatz der zur Manipulation von Abgaswerten genutzten Software beteiligt gewesen oder hätten zumindest frühzeitig davon gewusst. Deshalb würden sie bis zur Klärung der Vorwürfe beurlaubt. Betroffen seien Entwickler und Manager in Deutschland sowie den USA.

In Frankreich sagte Umweltministerin Ségolène Royal dem französischen Fernsehsender BFMTV, wenn der der Verkauf angeblich sauberer Fahrzeuge mit Fördergeldern zusammenhänge, «dann müssen diese öffentlichen Hilfen zurückgezahlt werden». Auch Spanien sucht nach rechtlichen Wegen, wie eine Erstattung von Subventionen für schadstoffarme Autos geltend gemacht werden kann, wie Industrieminister José Manuel Soria sagte.

Nach Volkswagen stellte auch die Konzerntochter Audi Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Ingolstadt. «Damit wollen wir den Prozess der Aufklärung unterstützen», erklärte ein Audi-Sprecher. In den USA gingen weitere Klagen gegen Volkswagen ein. Das Harris County in Texas fordert wegen Luftverpestung durch mindestens 6000 in der Region verkaufte VW-Diesel mehr als 100 Millionen Dollar (89 Millionen Euro), wie das Büro des zuständigen Staatsanwalts Vince Ryan in Houston mitteilte.

Am Dienstag hatte der Konzern mitgeteilt, dass alleine von der Kernmarke VW fünf Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten geholt werden sollen. Die betroffenen VW-Kunden sollen demnächst per Post informiert werden, wenn ihre Diesel-Fahrzeuge nachgebessert werden müssen. Vor zehn Tagen war herausgekommen, dass VW in den USA mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert hat. Weltweit sind nach Konzernangaben rund elf Millionen Fahrzeuge betroffen, davon rund 2,8 Millionen auch in Deutschland.

Eine Woche nach dem Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn hat die weltweite Abgas-Krise auch konkrete Konsequenzen für die Mitarbeiter bei Volkswagen. Im Motorenwerk Salzgitter wurde erstmals die Produktion zurückgefahren, sagte eine Werkssprecherin am Mittwoch und bestätigte damit einen Bericht der «Wolfsburger Allgemeinen». Vorsorglich sei eine Sonderschicht pro Woche abgesagt worden. In Salzgitter, nach Konzernangaben eines der größten Motorenwerke der Welt, werden täglich rund 7100 Otto- und Dieselmotoren hergestellt. Im Werk arbeiten rund 7000 Mitarbeiter.

Im rund 20 Kilometer entfernten Braunschweig verhängte darüber hinaus die VW-Finanztochter Volkswagen Financial Services bis zum Jahresende einen Einstellungsstopp. «Bereits mündlich gegebene Zusagen für Stellenbesetzungen sind davon aber unberührt», sagte Sprecher Stefan Voges am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Ferner sollen alle in diesem Jahr auslaufenden Verträge von Werkstudenten und Zeitarbeitern zunächst nicht verlängert werden. Nach dpa-Informationen sind knapp 30 Zeitverträge betroffen.

In der Konzernzentrale in Wolfsburg will sich am Abend das Präsidium des Aufsichtsrates erneut zu einer Krisensitzung treffen. Dabei will das fünfköpfige Gremium unter anderem über einen Zwischenbericht zu der Affäre sprechen. Noch unklar ist, ob im Anschluss an die Sitzung mit einer Erklärung zu rechnen ist.

Nach dpa-Informationen will das Präsidium auch über die Zukunft des bisherigen VW-Finanzchefs Hans Dieter Pötsch beraten. Anfang September hatte das Präsidium Pötsch noch einstimmig als Nachfolger von Ferdinand Piëch an der Spitze des Aufsichtsrates vorgeschlagen. Der langjährige VW-Patriarch Piëch hatte im Frühjahr einen internen Machtkampf mit Winterkorn verloren und war zurückgetreten. Seitdem hat den Posten übergangsweise der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber inne.

In Konzernkreisen war nach einem Bericht des «Handelsblatts» Kritik laut geworden, weil Pötsch in seiner neuen Rolle die Aufklärung des Dieselskandals beaufsichtigen soll - für den er in seiner Zeit als VW-Vorstand aber möglicherweise eine Mitschuld tragen könnte, wie es in den Kreisen hieß. Nach dpa-Informationen gibt es hier etwa seitens des Landes Niedersachsen Klärungsbedarf.

Die Familien Porsche und Piëch dagegen stehen unverändert hinter Pötsch als künftigen Chef des Volkswagen-Kontrollgremiums, wie ein Sprecher der Dachgesellschaft Porsche SE der dpa in Stuttgart sagte. Die Holding hält die Mehrheit an VW, die Familien Piëch und Porsche wiederum spielen eine maßgebliche Rolle in der Porsche SE.