Abschuss von russischem Bomber belastet Anti-IS-Kampf

Der Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei bedroht die internationalen Bemühungen um ein gemeinsames Vorgehen gegen den Terrorismus im Syrien-Konflikt.

«Durch den Abschuss hat sich die Lage noch einmal verschärft», sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Bundestag. «Wir müssen jetzt alles tun, eine Eskalation zu vermeiden.» Kreml-Sprecher Dmitri Peskow stellte einen gemeinsamen Anti-Terror-Kampf mit der Türkei in Zweifel. Verteidigungsminister Sergej Schoigu sagte, Moskau werde alle militärischen Kontakte mit Ankara vorerst einfrieren.

Das Weiße Haus teilte mit, US-Präsident Barack Obama habe in einem Telefonat mit seinem türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan gesagt, die Türkei habe aus Sicht der USA und der Nato das Recht, ihre Souveränität zu verteidigen. Erdogan sagte: «Wir denken definitiv nicht an so etwas wie eine Eskalation dieses Zwischenfalls.» Laut Erdogan stellte sich erst nach dem Abschuss im türkisch-syrischen Grenzgebiet heraus, dass es sich um ein russisches Flugzeug handelte.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnte: «Dies ist eine ernste Situation. Sie verlangt Ruhe und Diplomatie.» Stoltenberg sagte der Wochenzeitung «Die Zeit» mit Blick auf den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS): «Unser gemeinsamer Feind sollte der Islamische Staat sein. Es ist wichtig, dass uns alle, einschließlich Russlands, das übergreifende Ziel leitet, den IS zu besiegen.» Unterstützung für den von Moskau protegierten syrischen Machthaber Baschar al-Assad «verlängert jedenfalls nur den Krieg».

Nach Nato-Erkenntnissen dürfte die Darstellung des Bündnispartners Türkei zutreffen, wonach der Bomber vom Typ Suchoi Su-24 nach einer Verletzung des türkischen Flugraums beschossen wurde. Moskau betonte, der Flieger habe für die Türkei keine Gefahr dargestellt und sei über syrischem Boden abgeschossen worden. Kreml-Sprecher Peskow wertete den Abschuss als Verstoß gegen das Völkerrecht. Die «Bild»-Zeitung zitierte aus einer «Geheimanalyse» des Verteidigungsministeriums in Berlin, wonach der russische Jet nur 17 Sekunden im türkischen Luftraum war und über syrischem Territorium getroffen wurde.

Merkel appellierte an alle beteiligten Länder, an den Gesprächen über Frieden für das Bürgerkriegsland Syrien weiter konstruktiv mitzuwirken. «Es ist vollkommen klar, dass die wirkliche Lösung nur in einer politischen Lösung liegen kann. Es gibt keinen anderen Weg, der uns einer dauerhaften Lösung näher bringt.» Bei den bislang zwei Gesprächsrunden habe es «hoffnungsvolle Entwicklungen» gegeben. Sie hoffe, dass die Gespräche nun «nicht zu weit zurückgeworfen werden».

Erdogan kritisierte erneut die Luftangriffe der Russen in der von der turkmenischen Minderheit besiedelten syrischen Grenzregion, in der der abgeschossene Kampfjet operierte. «Es wird behauptet, sie würden dort gegen Daesch (die Terrormiliz IS) vorgehen.» Dort sei der IS aber gar nicht vertreten. Die Türkei versteht sich als Schutzmacht der Turkmenen in Syrien. «Wir verteidigen nur unsere eigene Sicherheit und das Recht unserer Brüder», sagte Erdogan.

Der russische Präsident Wladimir Putin kritisierte die Türkei erneut scharf. Die Regierung in Ankara verfolge eine Politik der Islamisierung des Landes, sagte Putin der Agentur Interfax zufolge. Die Unterstützung radikaler Richtungen schaffe eine sehr ungünstige Atmosphäre. Putin bestätigte, dass einer der Piloten des abgeschossenen Jets gerettet worden und der zweite ums Leben gekommen sei. Libanesische Medien hatten berichtet, eine Kommandoeinheit der syrischen Armee habe einen der Piloten in Sicherheit gebracht.

Der gerettete Pilot befinde sich auf der russischen Basis Hamaimim südlich von Latakia in Syrien, sagte Putin. Der russische Präsident kündigte zum Schutz der Basis die Verlegung des Flugabwehrraketensystems S-400 nach Hamaimim an.

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete neue russische Luftangriffe auf Rebellen nahe der Grenze zur Türkei im Nordwesten Syriens. Dort war das russische Flugzeug abgeschossen worden. Es gebe seit Mittwochmorgen auch heftige Kämpfe zwischen Anhängern und Gegnern des Regimes, hieß es weiter.