Alptraum im Thalys: «Am falschen Ort, aber mit den richtigen Leut

«Wir waren in einer Mausefalle gefangen», sagt der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade über den Moment, als die roten Sitze des Thalys zur Kulisse eines Alptraums wurden.

Alptraum im Thalys: «Am falschen Ort, aber mit den richtigen Leut
Frederic Leturque/Twitter / Hand Alptraum im Thalys: «Am falschen Ort, aber mit den richtigen Leut

Der Hochgeschwindigkeitszug rollte gerade durch das belgisch-französische Grenzgebiet, da ertönten Schreie auf Englisch: «Er schießt! Er hat eine Kalaschnikow.» Der Schütze sei nur einige Dutzend Meter entfernt gewesen, erzählt Anglade dem Magazin «Paris Match». «Ich dachte, das ist das Ende (...).»

Doch dann war der Spuk ganz schnell vorbei - und Frankreich feiert eine Heldengeschichte. Mehrere Fahrgäste stellten sich dem jungen, schwer bewaffneten Mann in den Weg, der verdächtigt wird, ein radikaler Islamist zu sein. Zuerst ein Franzose, der gerade auf die Toilette wollte und plötzlich vor dem Mann mit dem Sturmgewehr stand. Dann kamen zwei Amerikaner zu Hilfe - Soldaten in Zivil, die zufällig im Zug saßen.

Der muskulöse junge Mann im FC-Bayern-Trikot reagiert mit einem leicht amüsierten Grinsen auf die Fragen der Journalisten. Lange überlegt hat Alek Skarlatos nicht, als er einen Schuss hörte. Er habe sich kurz geduckt, erzählt er. Dann schaute er seinen Freund Spencer Stone an und sagte: «Let's go.» Die beiden Militärs in Zivil sprangen auf und stürzten sich auf den Schwerbewaffneten.

Gemeinsam zwangen sie den Täter zu Boden. Weitere Fahrgäste - ein amerikanischer Student und ein 62-jähriger Brite - schlossen sich ihnen nach eigenen Angaben an. «Wir haben ihn letztlich gefesselt, aber dann hat er währenddessen tatsächlich ein Messer gezogen und Spencer geschnitten», sagt der Brite Chris Norman dem Sender ITV. Schließlich hätten sie den Mann bewusstlos geschlagen, erzählt Skarlatos.

Ein Mann wurde von einer Kugel getroffen, für die übrigen Passagiere ging die Attacke glimpflich aus. Skarlatos erzählt später dem Sender Sky News, er habe eine Fehlfunktion an der Kalaschnikow bemerkt - Glück im Unglück.

Am nächsten Morgen sind die mutigen Passagiere die Stars des Tages. US-Präsident Barack Obama und Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove loben sie, Frankreichs Staatschef François Hollande lädt sie in den Élyséepalast. Innenminister Bernard Cazeneuve meint, die Männer hätten möglicherweise ein «furchtbares Drama» verhindert.

Die Hintergründe des Vorfalls sind noch nicht geklärt: Handelt es sich um einen Terrorangriff? Der Angreifer weist das zurück - doch er gibt sich auch als 26-jähriger Marokkaner aus, der den Behörden als Anhänger des radikalen Islamismus bekannt ist. Sollte sich diese Spur bestätigen, wäre Frankreich schon Ziel des religiösen Terrorismus geworden.

Dabei ist das Land seit dem blutigen Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» im Januar ohnehin im höchsten Alarmzustand, das Thema ist ständig präsent, die Warnungen der Behörden sind Routine: «Jeder weiß, dass das Bedrohungsniveau, dem wir gegenüberstehen, sehr hoch ist», sagt Cazeneuve am Samstag. Jetzt wird schon diskutiert, ob Züge nicht besser geschützt werden müssten. In den Thalys-Zügen patroullieren vorerst Polizisten.

Schauspieler Jean-Hugues Anglade geht es am Morgen nach dem Schreck gut, sagt er selbst. Der 60-Jährige verletzte sich leicht an der Hand, als er eine Scheibe einschlug, um einen Alarm auszulösen. «Ich bin mit fünf Stichen genäht worden, aber die Sehne ist nicht betroffen», sagt er. «Wir waren am falschen Ort, aber mit den richtigen Leuten», resümiert Anglade. «Das ist ein Wunder.»