Alter Geist, neue Töne: «Das Gespenst von Canterville»

Nie niedlich und gefällig - so lautet das Erfolgsrezept der Komischen Oper Berlin, wenn es um die jedes Jahr mit Spannung erwartete Kinderoper-Inszenierung geht.

Alter Geist, neue Töne: «Das Gespenst von Canterville»
Jörg Carstensen Alter Geist, neue Töne: «Das Gespenst von Canterville»

Dieses Mal setzt die Bühne auf einen alten Geist und neue Töne. Dabei geht es ganz schön gruselig zu: Seit Sonntag treibt in der Hauptstadt «Das Gespenst von Canterville» sein Unwesen.

Bei der deutschen Erstaufführung der gleichnamigen Kinderoper von Marius Felix Lange verfolgte das junge Publikum die aufwendig inszenierte Geschichte mit großer Begeisterung und einer ordentlichen Portion Gänsehaut - ein leicht verspätetes Halloween-Vergnügen sozusagen.

Der Berliner Komponist Lange schrieb für den Klassiker des irischen Dichters Oscar Wilde (1854-1900) moderne Musik voller Dynamik und Überraschungen. Die Auftritte des von Staub, Moder und Melancholie ganz grau gewordenen Geistes namens Sir Simon (Tom Erik Lie) sind musikalisch gespenstisch sphärisch. Der gerade frisch ins Schloss eingezogene Immobilienmanager Dr. König (Carsten Sabrowski) und seine hysterische Geliebte (Adela Zaharia) klingen weltlich schrill.

Witz, Tempo und im Chor gereimte Gesangseinlagen sind das Markenzeichen von Dr. Königs frechen Zwillingen Leon (Stephan Witzlinger) und Noel (Fabian Guggisberg). Sanft poetisch werden die Klänge, wenn Tochter Virginia (Alma Sadé) um ihre tote Mutter trauert und sich Gedanken über das Schicksal von Sir Simon macht.

Das Problem des Gespenstes ist nämlich Folgendes: Keiner hat mehr Angst vor ihm. Nach mehr als 400 Jahren Spukerei ist der in Ketten gelegte Untote der Herumgeisterns müde - am liebsten würde er sich einfach auf den Friedhof legen und für immer tot sein.

Doch das geht aus zwei Gründen auf gar keinen Fall: Erstens muss er Dr. König und seine Entourage aus dem Schloss vertreiben, die wollen aus dem Spukhaus nämlich ein Event-Hotel machen. Und zweitens darf Sir Simon nicht ruhen, weil er eine ziemlich unrühmliche Vergangenheit und noch keinen gefunden hat, der für den Sünder weinen will.

Regisseurin Jasmina Hadziahmetovic erweckt gemeinsam mit den fabelhaften Kostüm- und Bühnenbildnern (Gideon Davey und Paul Zoller) das Geisterschloss zu schauerlichem Leben: mit einer überlebensgroßen Ratte mit glühenden Augen, lebendig werdenden Ritterrüstungen, echten Armleuchtern, kopflosen Geistern und einem untoten Koch, dem sein Rührbesen im Auge steckt.

Das Orchester der Komischen Oper unter Leitung von Kristiina Poska sorgt temperamentvoll für Geister-Stimmung. «Das Gespenst von Canterville» ist anspruchsvolles Musiktheater, das alle Sinne anspricht. Empfohlen für Kinder ab 6 Jahren und Erwachsene.