Analyse: Billigtöchter als Zukunftschance?

Germanwings, Eurowings - und bald «Worldwings?» Wenn der Lufthansa-Aufsichtsrat an diesem Mittwoch zusammentritt, steht nichts Geringeres auf der Agenda als der Zukunftsplan für Europas größte Fluggesellschaft.

Analyse: Billigtöchter als Zukunftschance?
Ole Spata Analyse: Billigtöchter als Zukunftschance?

Vorstandschef Carsten Spohr will mit dem «Wings»-Konzept nach Europa auch auf der Langstrecke auf Billigflüge setzen. Der Kernmarke Lufthansa verspricht er einen Aufstieg zum Luxusprodukt der Sonderklasse. Vor dem Widerstand der Piloten knickt er bislang nicht ein.

Allerdings verschärft sich der Konflikt mit den Piloten gerade wieder. Im bislang härtesten Tarifkonflikt der Unternehmensgesichte drohen weitere Streiks. Die Vereinigung Cockpit (VN) erklärte die Tarifgespräche zur Übergangsversorgung und anderen Themen am Freitagabend für gescheitert.

Mit seiner Doppelstrategie von Billigflieger und Luxusklasse zielt Spohr auf Billigflieger wie Ryanair, Easyjet und Norwegian ebenso wie auf Konkurrenten wie Emirates und Etihad vom Persischen Golf. Denn die arabischen Fluglinien punkten mit modernen Jets und viel Service, während die Lufthansa ihre Flotte erst nach und nach mit Milliardeninvestitionen erneuert.

Lufthansas Billigableger Germanwings kommt mit 60 Flugzeugen und den 23 Jets seiner Schwester Eurowings weder bei der Größe noch bei der Kostenstruktur an Wettbewerber wie Ryanair mit deren gut 300 Fliegern heran. Und die Iren peilen bereits 520 Maschinen an.

Spohrs Billigfliegerpläne haben bei weitem nicht dieses Ausmaß. So soll Eurowings künftig wie Germanwings mit den größeren Airbus-Mittelstreckenjets unterwegs sein und zusätzlich zu den bisherigen Verbindungen aus Deutschland auch von Österreich, der Schweiz und Belgien aus auf neuen Strecken quer durch Europa fliegen. Im Vergleich zu den Kollegen bei Germanwings verdienen die Eurowings-Mitarbeiter deutlich weniger. Nur dadurch sieht Spohr die Chance, Ryanair & Co. auf Dauer in Schach zu halten.

Für die Langstrecke hat der Manager gleich zwei Ansätze in petto. So will er 14 Airbus A340 unter dem Lufthansa-Logo, einer vergrößerten Touristenklasse vermehrt zu Urlaubszielen schicken, die sich für den Konzern bisher nicht rechnen. Dabei baut er auf Zugeständnisse von Flugbegleitern und Piloten.

Das große Wagnis dürfte unterdessen ein Langstrecken-Billigflieger werden, für den Spohr im Alleingang oder zusammen mit dem deutsch-türkischen Ableger Sunexpress sieben Airbus A330 an den Start bringen will. Auf einen Namen für die Langstrecken-«Wings» hat sich die Lufthansa noch nicht festgelegt. Allerdings hat sie sich vorsorglich den Namen «Worldwings» schützen lassen.

Erfolgreiche Vorbilder gibt es nur wenige. So bieten die norwegische Norwegian und die malaysische AirAsia-X das «Ohne Schnickschnack»-Konzept für Langstreckenflüge an. Das Vorhaben gilt als schwierig. Denn Ryanair & Co holen viele ihrer Kostenvorteile aus der Tatsache, dass ihre Maschinen nur kurz am Boden sind und den Großteil des Tages in der Luft Geld verdienen.

Auf langen Flügen etwa nach Asien oder Amerika kommt dieser Vorteil kaum zum Tragen: Die Kosten für Kerosin, Flugzeug und Besatzung bei einem Acht-Stunden-Flug unterscheiden sich beim Billigflieger nicht so stark von denen klassischer Fluglinien.

Nun soll das Lufthansa-Kontrollgremium um Aufsichtsratschef Wolfgang Mayrhuber über die sogenannte «Wings»-Familie entscheiden. Die Verlagerung der Lufthansa-Europastrecken abseits der großen Drehkreuze auf Germanwings ist in Kürze abgeschlossen, am weiteren Ausbau des Billigsegments zeigt die Führungsetage keine Zweifel.

Bei den 5400 Piloten von Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings wird dies kaum Begeisterung auslösen. In bisher acht Streikwellen seit Jahresbeginn haben sie versucht, die Konzernspitze von deren Sparplänen abzubringen. Nun droht die nächste Runde im Arbeitskampf.

Um die geplante Kürzung der Übergangsrenten geht es dabei zum einen. Viele Piloten sehen aber auch ihre weiteren Besitzstände in Gefahr. Mit gut 100 Flugzeugen soll künftig jede sechste Maschine des Konzerns unter einer «Wings»-Marke fliegen, mit Folgen für Arbeitszeiten und Gehälter. Sie beklagen, dass es seit dem bisher letzten Streik im Oktober keine echten Fortschritte gegeben habe. Das Lufthansa-Management habe Kompromissvorschläge der Piloten nicht aufgegriffen und beharre auf Maximalforderungen.

Spohr hatte sich noch kürzlich optimistischer geäußert: «Wichtig ist, dass ich immer mehr Piloten im Hause spreche, die wissen, dass ihre Perspektive nur dann eine positive ist, wenn auch das Unternehmen eine positive Perspektive hat», sagte er dem Fernsehsender n-tv.

Immerhin: Die Kernmarke Lufthansa will Spohr zur ersten westlichen Airline mit dem Fünf-Sterne-Prädikat des Skytrax-Portals machen - und damit mit der Luxus-Konkurrenz auf der Langstrecke auf Augenhöhe kommen. Allen dürfte aber klar sein: Wachstum findet künftig vor allem im Billigsegment statt.