Analyse: Bohrende Fragen bleiben ohne Antwort

Über den Weltraumbahnhof auf der Wallops-Island an der amerikanischen Atlantikküste senkt sich die Dämmerung. Nachtstarts sind für Raumfahrtfans stets ein besonderer Kick. Auch diesmal hebt die Rakete mit einem riesigen Feuerschweif ab - ein gewaltiger Anblick.

Doch plötzlich verwandelt sich der Feuerschweif an diesem warmen Abend in einen riesigen Feuerball, der alles zu verschlingen scheint.

Irgendetwas ist furchtbar schiefgelaufen. Mit der Explosion der Antares-Rakete und dem Verlust des unbemannten Raumfrachters «Cygnus» erleidet die US-Raumfahrt den schwersten Rückschlag seit Jahren. Geraten die Flüge mit privaten Betreibern ins Trudeln?

Schockiert und schmallippig reagieren die US-Weltraumbehörde Nasa und die Betreibergesellschaft Orbital Sciences. Selbst auf Twitter herrscht am Dienstagabend minutenlang betretenes Schweigen. «Der Unfall ereignete sich kurz nach dem Abheben», lässt die Nasa kryptisch verlauten. «Ein katastrophales Versagen», meint Orbital Sciences. Doch bis die Ursachen gefunden sind, dürften Wochen und Monate vergehen - brennende Fragen bleiben ohne Antwort.

Es sind Fragen von Journalisten, die darauf hinweisen, dass das Triebwerk AJ-26 der Antares-Rakete auf ein russisches Modell zurückgeht - das bereits über 40 Jahre alt ist. Zudem gab es im Mai einen Test mit einem AJ-26-Triebwerk, der fehlschlug.

«Das war ein Triebwerk, das dafür geschaffen war, Astronauten zum Mond zu bringen», wehrt der Ex-Nasa-Astronaut Frank Culbertson und derzeitige Vizepräsident von Orbital Sciences Fragen ab. Es habe vor dem Start alle notwendigen Tests geben. «Wir haben keine Anomalitäten gefunden». Zwar wurde das Triebwerk in den USA aufwendig modernisiert und weiterentwickelt. Doch die Frage bleibt: War es ein kluger Schachzug, auf ein russisches Uralt-Triebwerk zurückzugreifen?

Schon kommen aus Moskau erste Schuldzuweisungen. Die Amerikaner hätten das ursprünglich sowjetische Triebwerk NK-33 modifiziert, dabei sei die Rakete wohl instabil gemacht worden, mutmaßt Raumfahrtexperte Igor Marinin öffentlich. Schimmert da die alte Konkurrenz der Raumfahrtnationen USA und Russland durch?

Das Unglück, darin sind sich so gut wie alle Experten am Mittwoch einig, wird die Diskussion über private Raumfahrt neu entfachen - auch Präsident Barack Obama wird sich kaum heraushalten können.

Das Outsourcing von Versorgungsflügen zur ISS an Private erschien der Regierung Obama seinerzeit geradezu als «Wunderwaffe», um schwindelerregende Nasa-Ausgaben in den Griff zu kriegen. Trotz massiver Kritik wurde das Shuttle-Programm 2011 eingestellt - über 30 Jahre waren die Shuttles die «Arbeitspferde» der Nasa gewesen.

Obama, so Kritiker, präsentierte sich bei seiner Streichaktion nicht gerade als Raumfahrtfan - Geldknappheit habe diese Schritte unausweichlich gemacht, beharren dagegen Befürworter der Obama-Strategie. Rächt sich jetzt das Outsourcing?

Immer wieder führen vor allem Republikaner an, die USA begäben sich allzu sehr in die Hände der Russen - seit Jahren sind amerikanische Astronauten, die zur ISS wollen, auf Mitfluggelegenheiten der Russen angewiesen. Seit 2011 hat sich das Verhältnis der beiden Großmächte empfindlich abgekühlt - seit der Ukraine-Turbulenzen herrscht sogar wieder Eiszeit.