Analyse: Diesel-Drama öffnet bei VW die nächste Großbaustelle

Aktienabsturz, Vertrauenskrise, Führungsdebatte: Die Affäre um manipulierte Diesel-Abgaswerte in den USA hat VW schon wieder in eine Krise gestürzt - nur wenige Wochen, nachdem Vorstandschef Martin Winterkorn sich in einem Machtkampf gegen Ex-Übervater Ferdinand Piëch durchsetzte.

«Die gegen VW in den USA erhobenen Vorwürfe wiegen schwer. Eine Manipulation von Emissionstests ist völlig inakzeptabel und durch nichts zu rechtfertigen», sagte Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Kontrolleur Stephan Weil (SPD) am Montag in Hannover.

Auch der mächtige Chef des Konzernbetriebsrates, Bernd Osterloh, forderte umgehend Aufklärung und Konsequenzen. Zugehörige Namen hörte man zunächst nicht - ein Zeichen mehr dafür, dass die Lage ernst ist?

Insider vergleichen die mögliche Sprengkraft des Skandals längst mit dem legendären «Elchtest» des Konkurrenten Mercedes. 1997 kippte eine A-Klasse bei einem Fahrtest nach einem Lenkmanöver um und überschlug sich. In der Folge stoppte der damalige Konzernchef Jürgen Schrempp die Auslieferung der Fahrzeuge und ließ sie überarbeiten - es kostete den Autobauer Millionen und viel Vertrauen. Immerhin: Es rollten damals keine Köpfe an der Stuttgarter Konzernspitze.

Ob Winterkorn die Diesel-Krise unbeschadet übersteht? Demonstrative Rückendeckungen für den 68-Jährigen aus dem Präsidium - wie etwa während des Machtpokers mit Patriarch Piëch im Frühjahr - gibt es zumindest bisher nicht. Der Skandal kommt für den VW-Chef zur Unzeit: Seine Zukunft an der Konzernspitze scheint erneut ungewiss.

«Die nächsten zwei, drei Tage sind entscheidend», heißt es aus gut informierten Kreisen. Zunächst scheint das Vertrauen im alles überragenden Präsidium des VW-Aufsichtsrates in Winterkorn ungebrochen - der massive Kursverlust an der Frankfurter Börse von zwischenzeitlich fast 20 Prozent sei kein Maßstab: «Die entscheidende Frage ist jetzt, ob noch mehr Hiobsbotschaften aus den USA kommen.»

Aus dem Konzern hieß es aber bereits, der engste Zirkel der Aufseher werde am Mittwoch ein Krisentreffen abhalten. Am Freitag darauf sollte der Aufsichtsrat nach bisherigem Plan Winterkorns Vertrag verlängern.

Winterkorn selbst scheint nicht vor der Krise weichen zu wollen. Sein Statement am Sonntag zeige klar, dass er Verantwortung übernehmen wolle und es sich zutraue, das Problem zu lösen, sagen Branchenkenner. Erst wenn «maßgebliche Personen aus dem Aufsichtsrat» Zweifel an «Wikos» Fähigkeiten als Krisenmanager bekommen sollten, dürfte es für den Schwaben eng werden. Stattdessen stünde wohl zunächst der erst seit Anfang 2014 amtierende US-Chef von Volkswagen, Michael Horn, in der Schusslinie.

Trotzdem liegt schon jetzt ein Schatten auf Winterkorn. Vor der Automesse IAA hatte er den erhofften Aufbruch in eine neue Ära noch zupackend gesehen und sich häufiger als sonst in Interviews geäußert: Seine Branche stecke in einer Revolution, bei der die Digitalisierung alles infrage stelle.

Auch für den Konzern bedeute das, alles zu hinterfragen. Dieser Satz könnte nun auch auf Winterkorn selbst zurückfallen. Denn die hohe Zentralisierung - das Ziel, alle wichtigen Entscheidungen in Wolfsburg zu bündeln - erkannte Volkswagen erst spät als Risiko.

Das Argument der Zweifler: Der passionierte Techniker Winterkorn hätte ob der besseren Abgaswerte in den USA zumindest stutzig werden können. Denn der Manager ist zugleich Chef der Entwicklungsabteilung. Damit hätte er über die Manipulations-Software in den USA informiert sein können, meint etwa Autofachmann Ferdinand Dudenhöffer.

Winterkorn habe also entweder von den Manipulationen gewusst - oder sei ahnungslos und habe seinen Geschäftsbereich nicht im Griff, sagte der Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen der «Frankfurter Rundschau». «In beiden Fällen würde ich sagen, dass Winterkorn an der Konzernspitze nicht mehr tragbar ist.» Mit dieser Meinung ist er nicht allein - auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) legt Winterkorn den Rücktritt nahe.

Damit bleibt es dabei: 2015 ist für Winterkorn bisher kein gutes Jahr. Kaum hat der lange erfolgsverwöhnte VW-Chef den Machtkampf mit dem geschassten Patriarchen Piëch im Konzern überstanden, verlangt ihm die nächste große Krise alles ab. Und nicht nur ihm oder VW.

Knapp zwei Monate vor dem Weltklimagipfel in Paris könnte der Umweltskandal auch andere Hersteller gefährden. Prompt verlangt die Umweltorganisation BUND die übergreifende Überprüfung sämtlicher Diesel-Modelle neuerer Bauart. Auch die Bundesregierung und die EU-Kommission fordern Informationen, um mögliche Manipulationen bei Abgastests «lückenlos» untersuchen zu können.

Den Skandal werten Analysten daher als PR-Unfall der Extraklasse. Fast genau zehn Jahre nach der VW-Affäre um Schmiergelder und Lustreisen auf Firmenkosten könnten die Konsequenzen auch den Konzern selbst nachhaltig erschüttern. Denn über den US-Markt hinaus ist der Ruf der Dieseltechnologie als vergleichsweise umweltfreundliche Antriebstechnik auf einmal mit Fragezeichen versehen. Zumal eine Kernfrage noch offen ist: Wurde die Software auch genutzt, um in Europa Öko-Standards vorzugaukeln, die man gar nicht erfüllen kann?