Analyse: Donald, der Erste - König ohne Land?

Viel mehr Amerika. Viel weniger Welt. Mehr Arbeitsplätze, weniger Leiden, mehr Wohlstand - und er, der Milliardär, als ein unerbittlicher Anwalt der Entrechteten: Das sind nur einige der Versprechen, die Donald Trump in die Waagschale des Wahlkampfs wirft.

Nun will er sofort losziehen, Amerika wieder groß zu machen. Und er sieht sich berufen: Niemand kenne das System besser als er - also könne auch niemand anders es heilen. Schon deswegen habe er antreten müssen.

Luftballons, grenzenloser Jubel, das war Cleveland.

Als Ivanka Trump ihren Vater ankündigt, sehr persönlich und weich, das Bild eines titanischen Menschen mit unglaublichen Fähigkeiten für die USA zeichnet, da treiben die vier Tage des Konvents auf ihren Höhepunkt zu. Tränen der Rührung im Block von Tennessee, heiser gebrüllte Begeisterte in Virginia.

«USA,-USA»-Rufe gellen, «Baut die Mauer» (zu Mexiko) und immer wieder «Sperrt sie ein». Sie, die größte Hassfigur des Konvents, Hillary Clinton. Endlich haben sie ihn, ihren Kandidaten. Er hielt eine geschickte, sehr gut gearbeitete Rede, seinen Anhängern sprach sie vollkommen aus dem Herzen. Auch, wer Trump nicht mag: Diese Rede war seine bisher wichtigste, und er hat diese Hürde spielend genommen.

Fast täuschte das darüber hinweg, was für eine pannenreiche Strecke die Tage von Cleveland waren, und wie groß die Probleme der Partei sind. Mit Luft gefüllte bunte Ballons werden sie nicht richten, auch wenn die Strategen streuen, dass sich über alles außer Kandidat und Rede sofort der Nebel amerikanischen Vergessens legen wird.

Tags zuvor hatte sich Ted Cruz in einem bemerkenswerten Akt politischer Sabotage ausgerechnet den Konvent ausgesucht, um auf diesem Hochamt öffentlicher Einigkeit den Nominierten ausdrücklich nicht zu unterstützen. 90 Minuten nach seinem sibyllinischen «Wählt nach Eurem Gewissen!» nutzte Clintons Wahlkampfteam, stets etwas um griffige Slogans verlegen, diese unerwartete Vorlage dankbar aus und twitterte die Phrase nebst einem Link zur Wählerregistrierung. Texanische Delegierte waren abends beim Bier trotzdem ganz begeistert von ihrem Senator.

Eine Riesensupershow hatte Trump für Cleveland versprochen, am Ende war es dann doch alles recht konventionell. Viele Dutzend Reden, stampfende Musik, Fähnchen und Plakate, Partys der Delegierten. Dazu schräge Fehler im Programm, ein sehr unprofessioneller Umgang mit Plagiatsvorwürfen, hier kam eine Organisation an ihre Grenzen. Außerdem war der Konvent so weiß, dass dies weder die demografische Gegenwart noch die Zukunft der USA abbildet - einschließlich der Partei.

«Es gab noch nie einen so negativen Grundton wie bei dieser Convention», sagt der Wahlforscher Geoff Skelly von der Universität Virginia in Cleveland. «Auch, wenn es einen generellen Trend zu negativen Kampagnen gibt: Das hier war wirklich ungewöhnlich.»

Trump und Clinton sind einander paradox verbunden. In einer Art lähmender Zwangssymbiose saugen sie auf den Gipfeln ihrer Unbeliebtheit Zustimmung und Energie aus ihrer Antipathie. Was wäre, stünde auf nur einer Seite ein anderer, nicht so vorbelasteter Kandidat? Von ihren Bannerträgern überhaupt nicht überzeugt, hält ihre tiefe Feindschaft ja auch die eigenen Lager bei der Stange.

Auch für diese wird Trump inhaltlich irgendwann liefern müssen. Dafür ist ein Wahlparteitag womöglich nicht der richtige Ort. Aber Trump ist auf die Unterstützung der unabhängigen Wähler im Land angewiesen, will er eine Siegchance haben. Denen könnte das Absingen des immergleichen Anti-Clinton-Lieds zu wenig sein. Wie will Trump das Land flott machen, das er im Niedergang wähnt?

Welche Rezepte, Programme, Ideen? Wie also weiter?

Die «New York Times» will erfahren haben, Trump habe vor Mike Pence Ohios Gouverneur John Kasich die bisher mächtigste Vizepräsidentschaft der USA angetragen. Jener Kasich, den Trump noch vor kurzem übel verspottet hatte und der Trump nicht leiden kann, solle nichts weniger als die Verantwortung für die gesamte Innen- und die Außenpolitik bekommen. Trump wolle währenddessen Amerika wieder groß machen, als eine Art bundespräsidialer Markenbotschafter der USA.

Das könnte tief blicken lassen, wie Trump sich eine Präsidentschaft vorstellt. Er gibt den Trump, mit den Niederungen der Politik sollen sich andere abarbeiten. Nicht nur das Portal Vox hält das ironisch für konsequent: «Lasst uns einen König wählen. Eine mächtige Präsidentschaft ist eh eine schlechte Idee. Mehr delegieren.»

Amerikas Alliierte dürften die Vorstellung einer Präsidentschaft Trumps nicht witzig finden. Sollte er sein jüngstes Hinterfragen eines Beistands der Nato für angegriffene Bündnispartner ernst meinen? Auch für den Konvent war das am Donnerstag neues Störfeuer, als hätte es der Debakel hier nicht genug gegeben.

Womöglich begönne mit einem Präsidenten Trump tatsächlich eine neue Zeitrechnung. Hillary Clinton wird sich ab Montag in Philadelphia nach Kräften bemühen, genau davor eindringlich zu warnen.