Analyse: Ein «süßsaures» Ergebnis für die SPD

Was nun, SPD? Einen Kanzler Steinbrück wird es nicht geben, Rot-Grün als Option ist erstmal passé. Soll man mit einer enorm gestärkten Union als Juniorpartner in eine große Koalition? Die Katastrophe für die SPD wäre sicher die absolute Mehrheit für die Union.

Analyse: Ein «süßsaures» Ergebnis für die SPD
Kay Nietfeld Analyse: Ein «süßsaures» Ergebnis für die SPD

Nur Willy Brandt bewahrt noch die Ruhe. Die 500 Kilo schwere Bronzeskulptur steht im gleißenden Scheinwerferlicht, Gerüchte schwirren durch das Foyer der SPD-Zentrale. Nägelkauen, Blick auf die Monitore. Um 18 Uhr gibt es dann ein Aufstöhnen, als der SPD-Balken bei 26 Prozent stehen bleibt. «Puh, schwierig», stöhnt ein älterer Genosse. «Abwarten», blafft ihn ein anderer an.

40 Minuten später gibt es hektisches Treiben an den Aufzügen, die SPD-Spitze kommt heruntergefahren. BKA-Beamte bahnen den Weg zur Bühne im Foyer. «Danke, Peer»-Rufe ertönen, großer Applaus. Um 18.41 Uhr ist das Kapitel Kanzlerkandidatur Peer Steinbrück beendet. «Du bist ein Pfundskerl», sagt SPD-Chef Sigmar Gabriel zu ihm. Er habe einen «fantastischen Wahlkampf» gemacht. Aber glücklich ist keiner. Steinbrück verspricht, der Partei weiter zu dienen. «Der Ball liegt im Spielfeld von Frau Merkel. Sie muss sich eine Mehrheit besorgen.»

Doch auch eine absolute Mehrheit der Union schien zu dieser Zeit erreichbar, das wäre ein Gau für die SPD. Jubel gibt es hier nur, als die FDP in ersten Ergebnissen auf unter 5 Prozent kommt.

Für die SPD ist das Ergebnis «süßsauer», wie Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil es formuliert. Rot-Grün ist klar verfehlt worden - aber das andere Ziel, Schwarz-Gelb zu verhindern, wenigstens dies könnte am Ende geschafft werden - aber zum Preis einer allein regierenden Union? Gemessen am Debakel von 2009 mit 23 Prozent ist es eine Besserung für die SPD. Aber nach dem guten Schlussspurt, über vier Millionen Hausbesuchen und vollen Plätzen hatten sie sich im 150. Jahr des Bestehens der SPD mehr erhofft.

Nun ist der Abstand zur Union noch weiter gewachsen. Und: Bei der großen Koalition 2005 lag die Union mit 35,2 zu 34,2 Prozent nur knapp vor der SPD, es agierten zwei Partner auf Augenhöhe. Das wäre im Fall der Fälle nun anders. Immerhin in 13 von 16 Bundesländern ist die SPD wieder an der Macht, Hamburg regiert sie sogar allein. Da sorgen sich besonders die SPD-Ministerpräsidenten, wenn man im Bund weiter klar unter 30 Prozent verharrt. Als Hauptursache wird im Willy-Brandt-Haus fehlende Wechselstimmung ausgemacht - und die Partei hat womöglich zu wenig Angebote für die Mitte gemacht.

Steinbrück hat sich nach dem holprigen Start achtbar geschlagen. Der Unmut bei den Landesfürsten der SPD richtete sich zuletzt vor allem gegen das Agieren von Parteichef Sigmar Gabriel. Ein Parteikonvent am Freitag soll zeigen, wohin die Reise gehen könnte. Im Falle einer möglichen großen Koalition wird auch ein langwieriger Mitgliederentscheid diskutiert. Aber wie soll das gehen, wenn es nicht erst Weihnachten eine neue Bundesregierung geben sollte?

Als Mindestpreis für eine große Koalition kursierten im Lager der SPD-Linken bereits Forderungen wie 8,50 Euro Mindestlohn und höhere Steuern für Reiche, um Bildungsausgaben zu erhöhen. Doch bei dem Ergebnis vom Sonntag müsste die SPD eher kleine Brötchen backen. Eine theoretische Alternative könnte ja auch Schwarz-Grün und die Opposition sein. Am Wahlabend wird Ruhe bewahrt, aber es könnte noch stürmisch werden.

Die Option Rot-Grün scheint bis auf weiteres keine mehr zu sein. Führende SPD-Politiker wie Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz pochen auf eine stärkeres Wirtschaftsprofil - muss es auch eine stärkere Wiederbelebung der Kontakte zur FDP geben, die von 1969 bis 1982 mit der SPD in der sozialliberalen Koalition lange gut zusammengearbeitet hat? Man setzt hier auf einen programmatischen und personellen Neuanfang.

Steinbrück hat seit dem Sommer landauf landab bei Hunderten seiner «Klartext»-Veranstaltungen für sein Programm gegen ein Auseinanderdriften der Gesellschaft geworben. Aber er kritisierte auch, dass Kanzlerin Merkel bei den guten Arbeitsmarktzahlen von den Wirkungen der Agenda 2010 Gerhard Schröders profitiere - und die SPD es nicht schaffe, diese offensiv als ihren Erfolg zu verkaufen. Der 66-Jährige dürfte künftig wohl keine größere Rolle mehr spielen. Er kann aber nun vielleicht wieder auf attraktive Vortragsangebote hoffen.