Analyse: Endstation Flüchtlingsbaracke

Die Heimat liegt so nah, aber dahin zurück will hier keiner, auch nicht Bakri Allusch. Wenn er vor seiner Baracke in der libanesischen Bekaa-Ebene steht, kann er die Berge sehen, hinter denen Syrien liegt.

Analyse: Endstation Flüchtlingsbaracke
Jan Kuhlmann Analyse: Endstation Flüchtlingsbaracke

Manchmal bombardiert die syrische Luftwaffe die Rebellen dort so massiv, dass auch Bakri Allusch und die anderen Flüchtlinge im Lager die Explosionen hören können. Dann weiß er genau, warum er mit Frau und drei Kindern aus Aleppo in Nordsyrien geflohen ist. «Wenn es Frieden gäbe, würden wir zurückkehren», sagt Bakri. «Aber dort fallen noch immer Bomben.»

Vor einem Jahr traf die syrische Luftwaffe das Haus seiner Eltern, 13 Menschen starben. Bakri, 34, und seine Frau packten zusammen, was sie tragen konnten, und machten sich mit ihren Kindern auf den Weg in den Libanon. Seine jüngste Tochter war gerade erst geboren worden, sein ältester Sohn vier Jahre alt.

Jetzt leben sie am Rande der libanesischen Kleinstadt Al-Maridsch so wie alle anderen Flüchtlinge des Lagers in einem Verschlag aus Brettern, Pappe und Plastikfolie. Zwei Familien, elf Menschen teilen sich einen Raum, die Männer schlafen manchmal draußen, weil es zu eng ist. Immerhin gibt es Strom und Wasser. 100 Dollar müssen sie dafür im Monat bezahlen, viel Geld für jemanden, der nichts besitzt. Manchmal ackert Bakri auf dem Bau. Dafür bekommt er 10 000 Libanesische Pfund am Tag - etwa sechs Euro.

Fast 1,2 Millionen Syrer sind nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR vor dem Bürgerkrieg in den Libanon geflohen. Die tatsächliche Zahl dürfte aber bei mehr als zwei Millionen liegen, da sich viele Syrer nicht haben registrieren lassen. Für das kleine Land mit rund 4,5 Millionen Einheimischen ist diese riesige Zahl an Flüchtlingen eine schwere Bürde. Der Libanon leidet ohnehin unter dem Bürgerkrieg, weil die Gewalt immer wieder über die Grenze schwappt. Die Wirtschaft lahmt, die Preise steigen, Touristen bleiben aus.

Die Regierung will mit allen Mitteln verhindern, dass die Syrer im Land bleiben, denn sie befürchtet, dass die vorwiegend sunnitischen Flüchtlinge das fragile Gleichgewicht zwischen den Konfessionen durcheinanderbringen könnten. Sunniten, Schiiten und Christen teilen sich die Macht im Land. Deswegen erlaubt Beirut keine offiziellen Flüchtlingslager. Viele Syrer hausen in slum-ähnlichen Camps, die höchstens geduldet werden. Andere haben in leeren Wohnungen oder Rohbauten Unterschlupf gefunden.

Aber wahrscheinlich ist für Bakri Allusch und die anderen Flüchtlinge die Armut nicht einmal das Schlimmste, sondern die völlige Hoffnungslosigkeit. Die Flüchtlingsbaracke im Libanon ist für den Syrer und seine Familie zur Endstation geworden. Wenn er könnte, würde er nach Europa gehen, sagt Bakri. «Alle hier im Lager wollen nach Europa.» Nur: Sie können nicht.

Selbst für eine illegale Flucht über die Türkei fehlt ihnen das Geld. «3000 Dollar muss man einem Schleuser bezahlen», erzählt Hussein, ein anderer Flüchtling aus dem Lager. «Und wenn Du ihnen nicht genug gibst, schmeißen sie dich auf offener See ins Wasser.» Bakri Allusch ist dreimal beim UNHCR vorstellig geworden, um nach Europa zu reisen - jedes Mal haben sie ihn weggeschickt.

Dabei unterstützt das UN-Hilfswerk Deutschland und andere Staaten bei der Vorauswahl von Flüchtlingen, die im Rahmen von Aufnahmeprogrammen ganz offiziell Visa erhalten. Bewerben aber kann sich niemand. Vielmehr suchen die Vereinten Nationen unter den registrierten Flüchtlingen diejenigen aus, die bestimmten Kriterien entsprechen. Wer nach Deutschland will, hat bessere Chancen, wenn er Kontakte ins Land hat und die Sprache spricht. Auch besonders harte Notfälle wie alleinstehende Mütter werden bevorzugt.

Ein Visum für Europa zu bekommen gleicht für die meisten Flüchtlinge aber einem Lottogewinn. Mehr als vier Millionen Syrer sind in die Nachbarländer geflohen. Zum Vergleich: Bund und Länder hatten sich 2014 darauf geeinigt, 20 000 Syrern Visa zu geben. Andere Länder nehmen viel weniger Flüchtlinge auf. Das deutsche Kontingent ist mittlerweile ausgeschöpft, das letzte Flugzeug verließ Beirut vor einigen Wochen.

Auf ein Visum für Deutschland kann jetzt nur noch hoffen, wer dort Verwandte hat. 100 Anträge auf Familienzusammenführung erhält die deutsche Botschaft in Beirut täglich. Regelmäßig bildet sich vor dem Gebäude der diplomatischen Vertretung eine lange Schlange. In zwei Schichten am Tag versucht die Botschaft, dem Andrang Herr zu werden.

Ohne Verwandte im Ausland haben Bakri Allusch und seine Familie praktisch keine Chance auf eine Ausreise. In Aleppo verkaufte er einst Kaffee und Tee in einem kleinen Laden. «Dort hatten wir ein gutes Leben», sagt er. Jetzt geht es nur noch darum, Tag für Tag zu überleben. Wie er seine Zukunft sieht? Die Antwort fällt ihm leicht: «Ich habe keine Pläne für die Zukunft.»