Analyse: Frankreich und die islamistische Gefahr

Keine Angst, kein Hass, keine Intoleranz: Mit diesen beschwörenden Worten wendet sich Regierungschef Manuel Valls an die Franzosen. Denn nach dem Attentat auf das religionskritische Magazin «Charlie Hebdo» nimmt die Furcht vor islamistischen Anschlägen nur noch zu.

Analyse: Frankreich und die islamistische Gefahr
Ian Langsdon Analyse: Frankreich und die islamistische Gefahr

Aber auch Gewalt gegen muslimische Einrichtungen gibt es. Schon in den Stunden nach der Tat wurde auf muslimische Gebetshäuser geschossen, nahe einer Moschee explodierte Sprengstoff. Die schwerwiegendere Gefahr sehen Politiker und Sicherheitsexperten aber in den Islamisten, die von Syrien oder dem Irak aus mehrfach dazu aufgerufen haben, Frankreich bluten zu lassen.

Seit der Adventszeit hat die Anspannung im Land nur zugenommen. Zum einen warnten Sicherheitsexperten vor der verschärften Gefahr, dass französische Dschihadisten den Weg zurück finden und sich dann rächen - vor allem für das militärische Engagement Frankreichs im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS). Dann gab es erste Zwischenfälle, die in die Vorweihnachtszeit nicht so recht passten: Etwa der Autofahrer in Dijon, der mit «Allah ist groß»-Rufen mehrfach in Passanten raste.

Und jetzt das schlimmste der befürchteten Szenarien. «Das ist ein Krieg, ein richtiger Krieg», so brandmarkt der konservative «Figaro» den Anschlag mit islamistischen Vorzeichen gegen «Charlie Hebdo». Die kaltblütig und wie militärisch gedrillt agierenden Täter vom Mittwoch waren offensichtlich darauf geeicht, die Ruhe zu bewahren. Sie waren von der Polizei schon überwacht worden, ließen aber keine schlimmen Absichten erkennen. So lapidar musste das Innenministerium zugeben, dass man die Gefahr nicht gesehen hat, es ein Null-Risiko nicht gibt.

An die 1000 jüngere Franzosen ließen sich nach den Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden von den Lockrufen der Dschihadisten anziehen - nahezu 400 sollen bei der IS-Terrormiliz oder einer Al-Kaida-Gruppe angeheuert haben. Etliche Dutzend von ihnen kehrten nach Frankreich zurück. Radikalisiert oder nicht? «Die Frage, die sich jetzt nach dem Anschlag stellt, ist doch diese: War das eine isolierte Aktion, oder ist es nur ein Beginn?», hebt der Terrorabwehr-Experte Louis Caprioli hervor.

«Mehrere Attentate sind in den vergangenen Wochen vereitelt worden», hielt Staatspräsident François Hollande fest. Und sein Innenminister Bernard Cazeneuve warnte: «Wir stehen hier vor der außergewöhnlichen Gefahr, dass andere Gewaltakte folgen könnten.» Die Ende November aufgetauchten islamistischen Videos, in denen jüngere Franzosen zur Tötung der «Ungläubigen» aufgerufen hatten, könnten ein böses Echo im Land finden, befürchteten Terrorexperten. Die IS-Propaganda gegen die «bösen und dreckigen Franzosen» hatte sich verstärkt, nachdem Paris entschieden hatte, mit Kampfflugzeugen gegen die Islamisten im Irak vorzugehen. Auch im Sahel ist Pariser Militär gegen Islamisten aktiv.

Das Land der etwa fünf Millionen Muslime leidet nicht nur unter brutalen Anschlägen, wobei der gegen «Charlie Hebdo» der schwerste gewesen ist. Der überall erschallende Aufruf zur Einheit, der von den Religionsvertretern ganz demonstrativ geübte Schulterschluss gegen die Gewalt und die landesweite Gedenkminute am nationalen Trauertag zeigen auch die Furcht vor einer Spaltung. Die Demokratie müsse sich moralisch und auch sonst gegen die Fanatiker rüsten, verlangt «Le Figaro» kämpferisch: «Wenn Krieg ist, dann muss man ihn gewinnen.»