Analyse: Hitzlsperger könnte Umgang mit Homosexuellen verändern

Die deutsche Öffentlichkeit zollt Thomas Hitzlsperger für sein Coming-Out großen Respekt. Gleichzeitig pflegen Millionen Menschen Vorurteile und Hass. Wie passt das eigentlich zusammen?

Analyse: Hitzlsperger könnte Umgang mit Homosexuellen verändern
Jens Ressing Analyse: Hitzlsperger könnte Umgang mit Homosexuellen verändern

Hitzlsperger hat seine Homosexualität öffentlich gemacht - und wer die begeisterten Schlagzeilen dazu liest, könnte Deutschland für ein Paradies der Schwulen und Lesben halten. Der Alltag sieht anders aus, nicht nur auf Fußballplätzen.

Auch wenn Homosexuelle in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, Prominente aus Unterhaltung und Politik sich mit ihren gleichgeschlechtlichen Partnern zeigen - es gibt auch die andere Seite: Schwulen und Lesben werden ausgegrenzt, nachgeäfft, müssen sich Sprüche anhören oder werden sogar auf offener Straße verprügelt.

Ex-Nationalspieler Hitzlsperger ist nicht ohne Grund der erste Prominente überhaupt, der in der Fußball-Männerwelt sein Schwulsein thematisiert. An die Adresse von «Leuten, die homophob sind», sagte er selbstbewusst: «Sie haben jetzt einen Gegner mehr.»

Die Homophoben. Wissenschaftler haben zwar festgestellt, dass die Zahl der schwulenfeindlichen Menschen in Deutschland seit Jahren sinkt. «Das ist eines der wenigen Vorurteile, bei denen es ständig besser wird», sagt der Bielefelder Sozialpsychologe Prof. Andreas Zick. Doch so ermutigend das klingt, man muss auch sehen: Jeder fünfte Deutsche fand im Jahr 2011 Homosexualität «unmoralisch». Im Regelfall sehen diese Leute nicht den individuellen Menschen, sondern eine Gruppe, sagen die Experten. Und sie fühlen häufig eine Art Zusammenhalt mit anderen, die ebenfalls mit Schwulen fremdeln.

Zick unterscheidet zwischen Gesamttrend und Nischen: «Grundsätzlich in der Bevölkerung werden die Einstellungen besser. Das können wir deutlich sehen. Aber in Nischen erhält sich die Feindseligkeit doch sehr deutlich. Diese Nischen sind lokale, dörfliche Strukturen, die sagen: "Homosexualität ist widernatürlich." Dort hält sich das sehr lang.» Es sei sehr schwierig, ein Vorurteil aufzugeben. Auch die Welt des Fußballs sei bisher so eine Nische. Strengreligiöse Menschen oder solche mit einem Hang zu Ordnung und Traditionen seien homophober als andere, Männer intoleranter als Frauen, sagt der Sozialpsychologe. Bayern schwulen- und lesbenfeindlicher als Hamburger, Bremer oder Berliner.

Ein Umzug in die Großstadt kann das Leben also einfacher machen, wenn man klassische Rollenbilder nicht erfüllt. Alle Probleme löst er nicht. Der Homosexuellen-Notruf «Maneo» in Berlin hilft Opfern von Gewalt und Beleidigungen. Im Jahr 2012 wurden hier 202 Fälle mit homophobem Hintergrund registiert. 191 richteten sich gegen Schwule und männliche Bisexuelle, 11 gegen Lesben. «Die Fallzahlen liegen damit auf gleichbleibend hohem Niveau», erklärte Projektleiter Bastian Finke vor einigen Monaten zu diesen Daten. Maneo und die Polizei glauben außerdem, dass bis zu 90 Prozent der homophoben Gewalttaten in Berlin nicht gemeldet werden.

Der Schlüssel zu mehr Toleranz liege im Kennenlernen, erläutert Prof. Zick. «Das ist ja jetzt der große Effekt von Hitzlsperger. Wir haben jetzt - medial vermittelt - Kontakt zu einer Person, die homosexuell ist», sagt der Wissenschaftler. «Bei Hitzlsperger ist nicht nur der Vorbildeffekt wichtig. Das ist wie so eine Art medial vermittelte konkrete Erfahrung mit einem homosexuellen Menschen. "Mensch, den kenn ich. Der hat doch da gespielt." Englische Forscher nennen das imaginierten Kontakt. Diesen Effekt haben wir jetzt.»

Die Diskussion habe mit Hitzlsperger «auf einmal eine Stimme», sagt Zick. «Und es hat eine renommierte und wichtige Stimme.» Auch der Regierende Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Ex-Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hätten mit ihren Coming-Outs zum Umdenken beigetragen. Dennoch schränkt der Wissenschaftler ein: «Vorbilder funktionieren nicht per se - nur wenn ich mich identifiziere.» Insofern sei damit zu rechnen, dass die Erklärung des Fußball-Prominenten der Sache der Schwulen und Lesben gut tut. Hitzlsperger habe «eine Tür aufgestoßen für viele andere», sagte der ehemalige Nationalspieler Arne Friedrich am Donnerstag «Zeit online».