Analyse: IS wendet sich anderen Ländern zu

Über Tage herrschte Rätselraten, ob «Omar der Tschetschene» tatsächlich tot ist. Der Extremist mit dem bürgerlichen Namen Tarkan Batiraschwili gehörte dank seines auffälligen roten Bartes zu den bekanntesten Gesichtern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

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Anfang März traf ein Luftschlag der USA in Syrien den mit Kopfgeld weltweit gesuchten Extremisten. Einige Tage später dann meldeten Aktivisten, Omar der Tschetschene sei seinen Verletzungen erlegen. Der IS verlor einen seiner markantesten Anführer.

Es ist einer der vielen Rückschläge, die die Terrormiliz in den vergangenen Monaten einstecken musste. Vor diesem Hintergrund dürfte die spektakuläre Anschlagserie in Brüssel auch dazu gedient haben, weltweit Aufsehen zu erregen und einen Erfolg nachzuweisen, um nicht an Anziehungskraft auf radikalislamische Anhänger einzubüßen. Zahllose Tote und Verletzte, insgesamt fast 300 Opfer im Herzen der EU - mit dieser blutigen Bilanz wird sich die menschenverachtende Terrorgruppe wohl noch lange brüsten.

Für ihren Propaganda-Feldzug gegen die «Kreuzfahrer» kann sie die Bilder und Schlagzeilen aus Brüssel gut gebrauchen. Vor etwa einem Jahr hatte es noch so ausgesehen, als wenn sich der Siegeszug der sunnitischen Extremisten in Syrien und Irak immer weiter fortsetzen würde. Im Mai 2015 konnten IS-Kämpfer die westirakische Provinzhauptstadt Ramadi einnehmen und der Armee des Landes eine nicht nur symbolische Niederlage zufügen. Doch seitdem bleiben die großen Siege aus. Mehr noch: In beiden Ländern haben die Extremisten empfindliche Niederlagen einstecken müssen.

So ist Ramadi mittlerweile wieder unter Kontrolle der irakischen Regierungsanhänger. Auch in Syrien hat der IS an Territorium verloren. Vor allem die Kurden-Miliz YPG, die mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden ist, konnte im Norden des Bürgerkriegslandes große Gebiete von den Extremisten einnehmen. Dank Luftunterstützung der US-geführten internationalen Koalition kontrollieren mittlerweile die Kurden den größten Teil der Grenze zur Türkei - und damit die für den IS so wichtigen Nachschubwege.

Laut Schätzungen des militärischen Branchendienstes «IHS Jane's Conflict Monitor» verlor der IS allein im vergangenen Jahr rund 14 Prozent seines Herrschaftsgebietes. Längst laufen die Vorbereitungen für eine Offensive auf die wichtigste IS-Hochburg, die nordirakische Millionenstadt Mossul. Sollten die Extremisten diese verlieren, dürfte die Terrormiliz ihre Herrschaft mit quasistaatlichen Strukturen in Syrien und im Irak kaum noch aufrechterhalten können.

Doch das hieße noch lange nicht, dass der IS besiegt wäre. Tatsächlich haben die Dschihadisten schon vor einiger Zeit damit begonnen, ihre Strategie anzupassen und sich zu internationalisieren. Je mehr die Extremisten in Syrien und im Irak unter Druck geraten, desto mehr verlagern sie ihre Aktivitäten in andere Staaten.

Die Terrormiliz muss Erfolge nachweisen, um nicht an Anziehungskraft auf ihre Anhänger einzubüßen. Dabei steht der IS in einem Wettbewerb um die Führung im weltweiten Dschihad. Schärfster Konkurrent ist das mit dem IS verfeindete Terrornetzwerk Al-Kaida. Um seine Führungsposition zu verteidigen, versucht der IS, Rückschläge am Boden durch Feldzüge und Anschläge in anderen Ländern auszugleichen, die ihm weltweite Aufmerksamkeit bescheren. Auch die Verbreitung brutaler Enthauptungsvideos passt in dieses Schema.

Schon vor langem ist das nordafrikanische Bürgerkriegsland Libyen zum Ziel vieler IS-Dschihadisten geworden, die dort die chaotischen Verhältnisse nutzen, um ihren Machtbereich auszudehnen. Aber auch in Saudi-Arabien, im Jemen und in Ägypten sind die Extremisten aktiv. Besonders hart getroffen hat es Tunesien, das einzige Land, dem nach den arabischen Aufständen im Jahr 2011 der Übergang zur Demokratie gelungen ist. Gleich drei große Terroranschläge erschütterten im vergangenen Jahr den Mittelmeerstaat, darunter zwei auf Touristen.

Längst hat die dschihadistische IS-Internationale auch Europa ins Visier genommen, vorneweg die Staaten, die sich an der US-Koalition in Syrien und im Irak beteiligen. Hier, so die Propaganda der Extremisten, sitzen die «Kreuzfahrer» und «Ungläubigen», die unzählige Muslime weltweit in Kriegen getötet haben.

So übernahm die Terrormiliz die Verantwortung für die Pariser Terrorserie im vergangenen November. Am Dienstag folgte dann das Bekenntnis zu den Brüsseler Anschlägen. Erst wenige Tage zuvor hatte sich mitten im Zentrum Istanbuls ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Die türkische Regierung macht dafür genauso den IS verantwortlich wie für jenen Anschlag im Januar, dem in Istanbuls beliebtestem Touristenviertel zwölf Deutsche zum Opfer fielen.

In dem Bekennerschreiben zu den Brüsseler Anschlägen beschimpft der IS Belgien als einen «Kreuzfahrerstaat, der nicht aufhört, den Islam zu bekämpfen». Zugleich drohen die Extremisten mehr oder weniger deutlich mit weiteren Anschlägen in Europa - die im Einklang mit ihrer veränderten Strategie stünden: «Wir versprechen den Staaten, die sich gegen den Islamischen Staat verbündet haben, schwarze Tage, als Antwort auf ihre Aggression (...).»