Analyse: Jetzt wird es nüchterner bei den Grünen

Über eine Stunde haben die Grünen Claudia Roth hochleben lassen. Wellen der Rührung, der Anerkennung und - ja, auch noch einmal der Begeisterung sind durch das Velodrom in Berlin gegangen.

Roth rang um Fassung, lachte, ließ die Stimme nochmal in kämpferischer Rede beben, zitierte eine Songzeile: «Ich will keine Träne sehen» - und ließ dennoch einigen Tränen ihren Lauf. Jetzt nimmt sie ihre blaue Tasche, ihren monströsen Blumenstrauß, ihren Mantel und verlässt vor den anderen zurückgetreten Grünen-Vorständlern das Podium. In der dritten Reihe bleibt sie stehen.

Um die langjährige Grünen-Vorsitzende, die «Mutter der Partei» (Renate Künast), stehen die Delegierten und wollen nicht aufhören zu klatschen. Roth setzt sich, von hinten kommt die bayerische Fraktionschefin Margarete Bause, Roth schnellt wieder hoch, noch eine Umarmung. Sie setzt sich wieder, als einfache Augsburger Grüne, zwischen die Augsburger Delegierten Reiner Erben und Matthias Strobl. «Jetzt bin ich wieder zuhause», sagt sie noch.

Es war ein vorläufig letzter großer Auftritt nach mehr als elf Jahren als Parteichefin. «Ich habe viele von Euch genervt - das kann ich auch zurückgeben, so ist's ja nicht», sagt sie. Sollen die Grünen sich nun neu erfinden, weniger angreifen? «Na ja», sagt Roth. Gemeint ist eher: So ein Quatsch. Renitent solle die Partei sein, mit Herz, wieder mehr eine Alternative. «Da könnten wir noch ein bisschen nachbessern.»

Steffi Lemke, die nach ihrer letzten Rede als Bundesgeschäftsführerin schon heftig beklatscht wurde, spendet großen Applaus. Cem Özdemir, der als Parteichef bestätigt werden will, tippt auf seinem Smartphone, manchmal hebt auch er die Hände und klatscht behäbig ein paar Mal. Der Grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann sitzt ziemlich reglos in der ersten Reihe. Er hatte kritisiert, die Grünen hörten zu wenig zu und griffen zu viel an. Roth ruft: «Attacke ist schon angebracht.» Die Halle tobt. Kretschmann nimmt seine Brille ab.

Selbst Joschka Fischer ist mal wieder Gast bei den Grünen, wenn auch nur in einer Filmwürdigung. Er spricht von seinem Fluchtinstinkt. «Wenn sie versuchte, mich zu umarmen, dann schaute ich sie scharf an.» Da sei sie zurückgezuckt. Andere formulieren große Sätze. Jürgen Trittin etwa sagt: «Ohne Claudia Roth wird sich diese Partei neu erfinden müssen.» Dann spielt die Parteitagsregie auch noch das wehmütige Lied «Bye, bye Junimond» von Rio Reiser ein, dem früheren Kopf der Band «Ton Steine Scherben», die Roth gemanagt hatte.

Als eine Stunde später Roths Nachfolgerin Simone Peter ihre Bewerbungsrede hält, wird klar: Die Partei wird sich mit dem Generationenwechsel mächtig umgewöhnen müssen. Während Roth als Gäste anwesenden Lampedusa-Flüchtlingen auf Englisch laut ihre Solidarität versichert, stellt Peter nüchtern fest: «Wir können Parolen wie 'Das Boot ist voll' nicht mehr hören.» Sachlich beteuert die 47-Jährige Energieexpertin: «Lasst uns unser Profil schärfen und verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.» Sie erhält 75,9 Prozent, ein mageres, aber für die Grünen auch nicht ungewöhnliches Ergebnis.

Özdemirs Bewerbung wird im Gegensatz zu seiner Eröffnungsrede vom Vortag mit Jubel bedacht. Bei einem internen Treffen des Realoflügels hatten am Freitagabend Flügelfreunde gefordert, Özdemir vielleicht intern zu kritisieren, aber dann doch zu wählen. Sonst schwäche sich der Flügel nach mehr. Özdemir ruft: «Vielleicht sollten wir künftig dafür sorgen, dass der Mitgliedsausweis bei den Grünen entscheidend ist, und nicht der Mitgliedsausweis bei einem Flügel.» Der Wille zur Geschlossenheit scheint da. Ergebnis: Dennoch nur 71,4 Prozent.

Schon in den Hintergrund gerückt ist die vierstündige Debatte über den erwünschten Kurs der Öffnung am Vormittag. Die Parole von Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, die Grünen müssten nächstes Mal doppelt so viel Prozente kriegen wie die 8,4 Prozent vom Wahlsonntag, wird beklatscht, bleibt aber auch etwas unverbunden stehen zwischen vielem Wundenlecken und Richtungsringen. Weit verbreitet ist in der Halle die Meinung, dass es ungefähr eine Legislaturperiode zu früh ist, um zwischen Schwarz-Grün und Rot-Rot-Grün zu entscheiden. Wer weiß schon, wie die Lage 2017 ist?