Analyse: Kriegstrommeln in Ankara

Die Türkei ist bereit. Im blutigen Konflikt in Syrien ist die zerstrittene und zögerliche Diplomatie der internationalen Gemeinschaft aus Sicht Ankaras mitverantwortlich dafür, dass den Verbrechen gegen die Menschlichkeit kein Einhalt geboten wurde. Dass nun die Weichen für einen Militärschlag gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad gestellt werden, gilt in der Türkei als überfällig. Dabei wird eine Schuld Assads an einem Chemiewaffeneinsatz als Tatsache betrachtet.

«Das mit Chemiewaffen verübte brutale Massaker an mehr als 1000 Menschen ist ein schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit», sagt der türkische Staatspräsident Abdullah Gül. Es sei jetzt nicht mehr die Zeit für Tricks und diplomatische Manöver. Nun müsse konkret gehandelt werden.

«Mehr als 100 000 Menschen wurden in Syrien getötet. Wo ist die internationale Gemeinschaft. Wo ist der Weltsicherheitsrat?», fragt Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit Blick auf die vergangenen Jahre. Gott, der «gerecht Vergeltende», werde Assad in kurzer Zeit die Rechnung präsentieren.

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu erklärt, sein Land sei bereit, auch ohne UN-Mandat in einer Allianz gegen Assad «seinen Platz einzunehmen». Konkret wird er nicht. Die oppositionelle Republikanische Volkspartei CHP kritisiert Davutoglu als «Kriegstreiber» und warnt Ankara davor, sich noch vor Abschluss einer Untersuchung zu möglichen Giftgaseinsätzen festzulegen.

Wie kein anderer Nato-Staat leidet die Türkei direkt unter dem Krieg in Syrien. Fast eine halbe Million Flüchtlinge wurden aus dem Nachbarland insgesamt aufgenommen. Sie werden vom türkischen Staat in Lagern versorgt oder leben auf eigene Kosten in türkischen Städten. Hunderte Millionen Euro hat die Türkei pro Jahr ausgegeben, während die Zustände in den Grenzgebieten mitunter kriegsähnlich sind, weil Granaten oder verirrte Kugeln einschlagen.

Mehrfach musste die türkische Armee in den vergangenen Tagen Gruppen Tausender Schmuggler abwehren, die - teils beritten, teils in Autos - auf die Grenze einstürmten. Dabei geht es häufiger auch darum, türkische Soldaten abzulenken.

Erdogans Regierung hat sich gründlich verkalkuliert. Ankara ging zunächst davon aus, dass die von arabischen Staaten und dem Westen unterstützen Rebellen das Regime in Damaskus binnen einiger Monate in die Knie zwingen könnten.

Es war nicht die einzige Fehleinschätzung. Erdogan liegt in wichtigen politischen Fragen - zuletzt ging es um den Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi - mit fast allen Regierungen der Region und arabischen Monarchien im Zwist. Dazu kommt der Dauerstreit mit Israel, der immer wieder die Beziehungen zu den Nato-Partnern der Türkei belastet. Auch die Verhandlungen mit der EU treten seit Jahren auf der Stelle.

Als regionaler Vermittler und Brückenbauer zwischen Ost und West, als der sich Erdogan einst selbst präsentierte, ist er inzwischen nicht mehr zu gebrauchen. Zudem leidet die Wirtschaft, die Türkische Lira ist im Sinkflug. Erdogan steuere das Land in die Isolation, sagen Kritiker. Sein außenpolitischer Berater Ibrahim Kalin sprach dagegen vor einigen Tagen von «wertvoller Einsamkeit», die die Türkei aufgrund überlegener moralischer Werte gezielt suche.

Die Politiker der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP sehen sich auf dem Kurs der Gerechtigkeit. Allerdings können sie die Beteiligung oder Unterstützung für einem Militäreinsatz gegen Syrien auch zum Befreiungsschlag für eine insgesamt verfahrene Außenpolitik nutzen.