Analyse: Militärchefs beraten über Strategie gegen den IS 

Die Ansammlung militärischer Orden dürfte kaum zu übertreffen sein, wenn US-Generalstabschef Dempsey seine Amtskollegen lädt. Die große Frage lautet: Ist die Strategie im Anti-IS-Kampf noch tragbar? Für die Kurden in Kobane könnte das Treffen in Washington zu spät kommen.

Analyse: Militärchefs beraten über Strategie gegen den IS 
Jason Szenes Analyse: Militärchefs beraten über Strategie gegen den IS 

Nach langem Hin und Her sprach John Kirby zuletzt endlich ein bisschen Klartext. «Wir alle müssen uns auf die Realität vorbereiten, dass andere Städte und Dörfer - und möglicherweise Kobane - vom IS eingenommen werden.» Mit «wir alle» meinte der Pentagonsprecher nicht nur sich und die vor seinem Rednerpult versammelten Reporter. Er meinte damit auch die USA als Militärmacht und das internationale Bündnis, das im Irak und in Syrien gemeinsam Krieg gegen Zehntausende Kämpfer des Islamischen Staates (IS) führt.

Um das «Wir» werden auch die Militärchefs des Bündnisses ringen, die sich an diesem Montag und Dienstag in Washington treffen. Mehr als 20 seiner Amtskollegen hat US-Generalstabschef Martin Dempsey dazu eingeladen. Schon beim geplanten Abendessen am Montag dürften die Generäle darum ringen, wie die nächsten Schritte im Irak und in Syrien aussehen sollen. Das Bündnis umfasst unter anderem Großbritannien, Frankreich, Belgien, Dänemark und die Niederlande sowie fünf arabische Verbündete: Saudi-Arabien, Jordanien, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Dempseys Führungsstärke ist gefragt, denn nicht nur in Syrien bangen und hoffen die Menschen, dass die Belagerung der kurdisch-syrischen Stadt Kobane abgewendet und ein beispielloses Gemetzel an unzähligen Kurden verhindert wird. Eine langfristige Strategie der USA ist seit Beginn der Luftschläge im Irak am 8. August nicht in Sicht. Auch die geplante Mission zur Ausbildung und Ausrüstung von gemäßigten syrischen Rebellen scheint noch in weiter Ferne. 5000 dieser Rebellen sollen jährlich in Saudi-Arabien ausgebildet werden - di

Doch die Kämpfer in Kobane brauchen schon jetzt dringend Waffen und bessere Ausrüstung, etwa Nachtsichtgeräte. Zudem müssten die zu zaghaften Bombardements verschärft und vielleicht auch Spezialeinheiten auf syrischen Boden geschickt werden, schreibt das «Wall Street Journal». Das Blatt spricht bereits von einer «frühen Krise» im Kampf gegen den IS und Schwächen in der Strategie von US-Präsident Barack Obama, die den militärischen Kraftakt der Bündnispartner untergrabe. «Kein erfolgreicher Kriegsplan ist statisch, und Herr Obama muss seinen jetzt anpassen.»

Die Krux ist nur: Ob Kobane fällt oder nicht, hat für das mächtigste Militär der Welt keine Priorität. Traten die USA bei den im Sindschar-Gebirge gefangenen Kurden mit Hilfslieferungen noch als Retter auf, scheint die Abwendung eines Massakers an den Kurden in Kobane auf der Agenda in Washington nicht besonders weit oben zu stehen. Trotz der schrecklichen Bilder aus der Grenzstadt müsse man «einen Schritt zurücktreten und die strategischen Ziele» der Operation verstehen, sagte Außenminister John Kerry nach einem Treffen mit seinem britischen Amtskollegen Philip Hammond. Und für eine Rettung von Kobane könnte es am Dienstag ohnehin zu spät sein. 

Neben diesem Krieg, der laut dem unabhängigen US-Institut CSBA bereits bis zu 930 Millionen Dollar (740 Millionen Euro) verschlungen hat, müssen die USA zudem ein Auge auf Afghanistan halten. Weil im Land am Hindukusch ebenfalls Überwachungs- und Aufklärungsflüge nötig sind, könne das Zentralkommando die Anfragen aus dem Irak und aus Syrien nur mühsam bewältigen, schreibt das Magazin «Foreign Policy». In Afghanistan haben die USA und ihre Nato-Verbündeten noch rund 40 000 Soldaten stationiert. Im Kampf gegen den IS sind mangels koordinierender Spezialeinheiten am Boden genau diese Geheimdienstinformationen so wichtig, um die gewünschten Ziele aus der Luft ins Visier nehmen zu können.

Wie so viele Beobachter zeigt der dreifache Pulitzer-Preisträger Thomas Friedman die Grenzen im Krieg gegen den IS auf. «Wir können Syrien oder den Irak oder Nigeria nicht einfach niederbrennen», mahnt er in der «New York Times». Die USA und ihre Verbündeten hätten nicht die «Weisheit, Ressourcen oder das Durchhaltevermögen», um mehr zu tun, als diese «Organismen einzudämmen, bis sich die natürlichen Antikörper aus dem Inneren (dieser Länder) herausbilden.» Für die kurdischen Kämpfer in Kobane sind solche Einschätzungen alles andere als gute Nachrichten.