Analyse: Männerwelt Silicon Valley sucht neue Wege für Karriere-Frauen

Google-Managerin Marissa Mayer war schwanger, als das Angebot zum großen Karrieresprung bekam: Den Chefposten beim großen Konkurrenten Yahoo.

Analyse: Männerwelt Silicon Valley sucht neue Wege für Karriere-Frauen
Laurent Gillieron Analyse: Männerwelt Silicon Valley sucht neue Wege für Karriere-Frauen

Die damals 37-jährige Mayer nahm den Job an, arbeitete fast bis zur Geburt durch und war ein paar Wochen danach wieder am Arbeitsplatz - mit einem frisch eingerichteten Kinderzimmer vor ihrem Vorstandsbüro.

Für ihre Angestellten, denen ein solcher Service am Arbeitsplatz verwehrt bleibt, verdoppelte Mayer den bezahlten Baby-Urlaub von 8 auf 16 Wochen. Ihre eigene Geschichte vermittelt aber exemplarisch die typische Botschaft an Frauen in der amerikanischen Business-Welt: «Du musst knallhart sein, wenn Du es weit bringen willst.»

Das Silicon Valley, hervorgegangen aus der Rüstungsindustrie und Garagenfirmen, ist eine Domäne weißer Männer. Bei Facebook und Apple machen Frauen gerade einmal 30 Prozent der Belegschaft aus. Im Technik-Bereich - also etwa bei den gut verdienenden Programmierern - liegt der Anteil beim weltgrößten Online-Netzwerk nur bei 15 Prozent.

Das ist das Umfeld, in dem Facebook und Apple in den USA ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen bezahlen. Die aufwendige Prozedur war ursprünglich als Absicherung für einen Verlust der Fruchtbarkeit gedacht, etwa bei Krebsbehandlungen.

Inzwischen greifen immer mehr Frauen in den USA dazu, um den Kinderwunsch aufzuschieben - zum Beispiel, wenn sie erst Karriere machen wollen. Laut US-Statistikern nannte das aber nur etwa jede vierte Frau als einen Grund, warum sie ihre Eizellen einfrieren ließ. Stattdessen gaben 88 Prozent an, sie hätten noch nicht den richtigen Partner gefunden.

Facebook und Apple sehen das Angebot lediglich als einen Teil der Sozialleistungen, die den Job attraktiver machen sollen. Dazu gehört auch, dass die Unternehmen im Silicon Valley ungleich familienfreundlicher sind als der Normalfall in der amerikanischen Wirtschaft. Einen bezahlten Mutterschaftsurlaub oder eine subventionierte Kinderbetreuung gibt es in etlichen US-Unternehmen nicht - ganz zu schweigen von der Kostenübernahme bei Adoptionen und Fruchtbarkeits-Behandlungen. Nach US-Recht haben Arbeitnehmer nach der Geburt eines Kindes nur den Anspruch auf zwölf Wochen unbezahlten Urlaub, in denen ihr Arbeitsplatz garantiert wird - mehr nicht.

Auffällig ist auch, dass gerade bei Facebook und Apple Frauen bei der Personalführung viel zu sagen haben. Beim Online-Netzwerk ist Sheryl Sandberg für das operative Geschäft zuständig und setzt sich lautstark für Frauenrechte ein. Bei Apple ist Denise Young Smith die Personalchefin. Sie wollen das Valley frauenfreundlicher machen.

Carol Bartz, die erste Frau, die es in den 1990er Jahren als Chefin der Software-Firma Autodesk ganz an die Spitze in der Tech-Branche schaffte, erinnerte sich in einem Interview, wie es früher war. Beim Technologieriesen 3M war sie die einzige Frau unter 300 Führungskräften. Sie ging, als es zu ihrem Wunsch nach einer Beförderung hieß: «Bei uns machen Frauen diese Jobs nicht.»

Bartz fand später als Mutter ihren Weg, um Kind und Arbeit unter einen Hut zu bringen: Eine halbe Woche verbrachte sie bei ihrem Baby zuhause - und den Rest weit weg in ihrem Job beim Computerkonzern Sun Microsystems. Zu Beginn eines Schuljahres ging sie mit ihrer Tochter den Termin-Kalender durch, um wenigstens die Schulaufführungen nicht zu verpassen.

Andere Karrierefrauen zeigen tiefe Reue. Die einstige Finanzchefin der 2008 zusammengebrochenen Investmentbank Lehman Brothers, Erin Callan, bedauert heute, ihren Kinderwunsch unwiderruflich dem Job geopfert zu haben. «Ich wünsche das niemandem», schrieb sie zu ihrem Leben in einem ergreifenden Artikel in der «New York Times».

In der Debatte um das umstrittene Einfrieren der Eizellen wird Facebook und Apple auch zugestanden, dass sie ihren Mitarbeiterinnen den Zugang zu einer Behandlung gewähren, die sonst den Reichen vorbehalten ist. Die Prozedur selbst kostet 10 000 bis 20 000 Dollar, zudem werden um die 500 Dollar pro Jahr für die Lagerung einer Eizelle fällig. Die Erfolgsaussichten sind dabei unsicher.

Laut Schätzungen wurden bisher rund 5000 Babys aus eingefrorenen und aufgetauten Eizellen gezeugt, berichtete das Magazin «Businessweek» im Sommer. Gesicherte Zahlen gibt es kaum: US-Kliniken sind bisher nicht verpflichtet, eine Statistik zu der Behandlung zu melden. Experten veranschlagen die Erfolgsaussichten bei der Befruchtung auf 30 bis 50 Prozent. Deswegen werden jeweils mehrere Eizellen entnommen. Da es eine relativ neue Methode ist, fehlen Informationen dazu, was passiert, wenn eine Eizelle erst jahrzehntelang lagert.