Analyse: Moskau und Ankara streiten nach Jet-Abschuss

Vor den Fernsehkameras ist Kremlchef Wladimir Putin sichtlich um Fassung bemüht. Die Wut über den Abschuss eines russischen Kampfjets im Syrien-Konflikt durch das Nato-Mitglied Türkei ist gerade wegen seiner ruhigen Stimme und der sorgfältig gewählten Worte kaum zu übersehen.

«Dieser Fall geht über den normalen Kampf gegen den Terrorismus hinaus», sagt Putin. Er verurteilt den Angriff als «Stoß in den Rücken, begangen von Helfershelfern von Terroristen». Experten befürchten eine Eiszeit zwischen Russland und der Türkei, die sich auch negativ auf den internationalen Kampf gegen die Mordbrenner des Islamischen Staates (IS) auswirken könnte.

Nach mehrfacher Warnung - so Ankaras Darstellung - holen türkische F-16-Jagdflieger am Morgen im Grenzgebiet zu Syrien einen russischen Su-24-Bomber vom Himmel. Der Abschuss dürfte die diplomatische Agenda dieser Woche im Ringen um eine Annäherung zwischen Russland und dem Westen schwer belasten. In Brüssel ruft der Fall die Nato mit einer Sondersitzung auf den Plan. Ein für diesen Mittwoch geplantes Treffen der Außenminister Russlands und der Türkei fällt prompt aus.

Kann Frankreichs Präsident François Hollande bei dem für Donnerstag erwarteten Gespräch mit Putin die Basis für eine große Koalition gegen den IS schaffen? Der russische Staatschef jedenfalls betont, im Kampf gegen den Terrorismus müssten alle Kräfte vereint werden.

«Ich weiß nicht, wer das braucht, was heute passiert ist», sagt Putin konsterniert. Mit «ernsthaften Auswirkungen» auf die Beziehungen droht Putin der Türkei, die er in den vergangenen Monaten vor allem aus wirtschaftlichen Motiven so stark umworben hat. Bislang habe Russland die Türkei als Freund betrachtet, sagt er.

Eigentlich können der russische Präsident und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan ganz gut miteinander. Mit einem milliardenschweren Deal für die geplante Gaspipeline Turkish Stream durch das Schwarze Meer will Russland die Türkei eng an sich binden.

Doch besonders in einem Punkt vertreten Putin und Erdogan diametral entgegengesetzte Positionen: beim Thema Syrien. Die Türkei fordert die Ablösung von Machthaber Baschar al-Assad. Noch beim G20-Gipfel in der Südtürkei - an dem auch Putin teilnahm - hatte Erdogan vor gut einer Woche betont: «Assad hat keinen Platz in der Zukunft Syriens. Er hat sein eigenes Volk abgeschlachtet.»

Russland hält dagegen an Assad fest und unterstützt seit Ende September eine Offensive der syrischen Armee mit Luftangriffen. Bereits im Oktober hatten russische Kampfjets aus Syrien kommend nach Darstellung der Regierung in Ankara türkischen Luftraum verletzt.

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte damals gewarnt, die türkischen Einsatzregeln würden auch für russische Kampfflugzeuge gelten. Das Militär werde gegen jeden vorgehen, der türkischen Luftraum verletze - «sollte es auch nur ein fliegender Vogel sein». Dass Ankara Ernst machen würde, hatte in Moskau wohl niemand so recht erwartet.

Zudem eskaliert seit Tagen ein im Westen weniger beachteter Konflikt zwischen der Türkei und Russland im Bürgerkriegsland Syrien. Ankara wirft Moskau vor, turkmenische Rebellen nahe der Grenze zur Türkei zu bombardieren - genau in jenem Gebiet, in dem am Dienstag das russische Kampfflugzeug in einem Feuerball zur Erde stürzte.

Die Türkei betrachtet die Minderheit der Turkmenen in Syrien nicht nur als Alliierte im Kampf gegen Assad, sondern fühlt sich ihr auch ethnisch verbunden. Den UN-Sicherheitsrat forderte die Türkei der Agentur Anadolu zufolge schriftlich auf, Maßnahmen gegen die russischen Luftangriffe zu ergreifen.

Von einem «Wendepunkt in Moskaus ohnehin gespannten Beziehungen zu Ankara» spricht Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie Centre. «Russland wird jetzt keine Luftangriffe gegen die Türkei fliegen, aber sie als "Komplizen des IS" behandeln», meint der Experte im Kurznachrichtendienst Twitter.