Analyse: Mutige Malala bekommt Friedensnobelpreis

Krieg im Gazastreifen, Gefechte in der Ostukraine, Gräueltaten der IS-Terroristen im Irak und in Syrien - blutige Konflikte haben dieses Jahr das Weltgeschehen bestimmt. Dauerhafte Friedenslösungen sind nicht in Sicht.

Analyse: Mutige Malala bekommt Friedensnobelpreis
Patrick Seeger Analyse: Mutige Malala bekommt Friedensnobelpreis

Wem soll man in einer Zeit, in der die Liste der Kriege immer länger wird, den Friedensnobelpreis verleihen? Selten hat sich die norwegische Nobeljury so schwergetan - um dann eine umjubelte Wahl zu treffen. Die 17-jährige Malala Yousafzai wurde mit ihrem Kampf für Kinderrechte zum Vorbild für Millionen. Sie macht nicht nur ihrer eigenen Generation Hoffnung auf eine gerechtere Welt.

So düster waren die globalen Entwicklungen in diesem Jahr bewertet worden, dass in Norwegen Diskussionen darüber entbrannten, ob der Preis überhaupt vergeben werden solle. Jetzt weist er in die Zukunft - nicht nur, weil er an die jüngste Nobelpreisträgerin aller Zeiten geht. Er ehrt Bildung als vielleicht wirksamstes Mittel gegen Extremismus - und zwei Menschen unterschiedlicher Religionen und Generationen, aus seit ihrer Gründung verfeindeten Ländern.

Es sei ein Signal, «dass ein Hindu und eine Muslimin, ein Inder und eine Pakistani, den Kampf für Bildung und gegen Extremismus gemeinsam aufnehmen», hebt das Nobelkomitee in seiner Begründung hervor. Gemeinsam mit Malala bekommt der 60-jährige Inder Kailash Satyarthi die Auszeichnung, der seit Jahrzehnten gegen Kinderarbeit kämpft.

Schon 2013 war Malala heiße Kandidatin für den Friedensnobelpreis. Doch damals hielt man sie noch für zu jung für die vielbeachtete Auszeichnung: Der Druck werde schwer auf ihren Schultern lasten, meinten Kritiker. Trotzdem hatten viele enttäuscht darauf reagiert, dass Malala leer ausgegangen war - dieses mutige Mädchen, dass sich selbst von einem Mordanschlag in ihrem Kampf gegen die radikal-islamischen Taliban nicht beirren ließ.

Nachdem sie mit schweren Schussverletzungen im Kopf im Oktober 2012 im Krankenhaus in Birmingham angekommen war, hatte sich ihr Leben rapide geändert. «Sie wusste nicht, was man mit einer Eiswaffel macht, wenn die Eiscreme aufgegessen ist», erinnert sich die Londoner Journalistin Christina Lamb, die bei dem Buch «I am Malala» half.

Seitdem verfolgte der Teenager ihre Sache nicht nur hartnäckig weiter, sondern bewies auch «die nötige moralische Integrität, die der Nobelpreis verlangt», urteilt der Friedensforscher Kristian Berg Harpviken. So stieg die kluge, selbstsicher auftretende Malala binnen weniger Jahre aus dem Nichts zur Nobelpreisträgerin auf.

Die Familie hat für Beobachter großen Anteil daran, dass die junge Frau trotz ihrer immensen Berühmtheit und der fast täglichen Medienpräsenz auf dem Teppich bleiben kann. Die Gefahren lauern an jeder Ecke. «Jeder will ein bisschen Malala», sagte Lamb. So nennt auch der frühere britische Premierminister und UN-Beauftragte für Kinderrechte, Gordon Brown, die Pakistanerin seine «beste Freundin».

Bei aller internationalen Aufmerksamkeit ist die 17-Jährige mit dem Kopftuch aber auch ein ganz normales Zuwanderer-Mädchen wie jedes andere, wenn sie in den Parks von Birmingham mit ihren Brüdern herumblödelt oder in der Hochhaus-Wohnung ihre Hausaufgaben macht.

Als der Friedensnobelpreis verkündet wurde, war das Mädchen gerade in der Schule. Der Schuldirektor holte sie aus dem Klassenzimmer, um ihr die Nachricht aus Oslo zu überbringen. Anschließend ging sie wieder in den Unterricht - erst um 17.30 Uhr (MESZ), wenn der Schulgong zum Wochenende ertönt ist, wollte sie sich der Presse stellen. Die Botschaft ist klar: Bildung ist ihr das Wichtigste - und Malala macht auch im Umgang mit den Medien kaum Fehler.