Analyse: Obama setzt auf Jugend

Der G8-Gipfel in Nordirland hatte noch gar nicht begonnen, da setze US-Präsident Barack Obama schon ein deutliches Zeichen.

Analyse: Obama setzt auf Jugend
Paul Mcerlane

Statt am Montagvormittag umgehend nach seiner Landung auf europäischem Boden mit seinen Politikerkollegen zu sprechen, schüttelte er lieber erst die Hände von Jugendlichen.

Tausende Schüler lud das Weiße Haus zu einem Treffen in der Hafenstadt Belfast ein. Obamas Botschaft an sie: Wer Veränderung will, soll dies gegenüber den Regierenden ansprechen. «Politiker folgen eher, als dass sie führen», sagte er. Eine kühne Aussage, nur Stunden vor der Zusammenkunft der mächtigsten Staats- und Regierungschefs.

Vordergründig drehte sich die Ansprache des Präsidenten um den brüchigen Frieden in Nordirland. «Ihr müsst uns immer wieder und wieder und wieder an die Existenz von Frieden erinnern», rief er der jungen Generation zu. Denn auch 15 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen von 1998 gibt es noch Ewiggestrige auf beiden Seiten, die Bomben legen und Brandsätze werfen.

Noch immer stehen in Belfast - Minuten entfernt von Obamas Auftrittsort - einschüchternde «Friedensmauern», die etwa im berüchtigten Konfliktgebiet um die Shankill Road und Falls Road Katholiken von Protestanten trennen und nur bei ruhiger Lage geöffnet werden. Wenn noch immer Brandsätze diesen von den USA mit ausgehandelten Frieden stören, welcher Friede kann dann halten, scheint Obamas Sorge zu sein.

Doch mit nur wenigen Sätzen seiner Rede macht Obama klar, worum es ihm eigentlich geht: Dies ist nicht nur ein Appell an die nordirischen Schüler, die frühmorgens lange mit ihren Schuluniformen im Nieselregen anstehen mussten, um einen amerikanischen Präsidenten sehen zu dürfen. Aus der drögen Kongresshalle in der Nähe eines Industriegebietes spricht er zur Jugend auf der ganzen Welt.

«Ihr seid ein Beispiel für alle, die bei sich Frieden wollen. Ihr seid der Beweis, dass es möglich ist», ruft Obama ihnen zu. Nordirlands Zukunft sei eine Blaupause für andere Regionen. Israel und Palästina braucht er nicht beim Namen nennen. Den Bürgerkrieg in Syrien mit nunmehr 93 000 Toten muss er nicht extra erwähnen.

Wie sie in Syrien das Blutvergießen stoppen können, wollen die G8 bis Dienstag bei ihrem Gipfel am Lough Erne klären. Mit einem Entschluss rechnet niemand. Zu kontrovers sind die Diskussionen zwischen Amerikanern und Russen, ob das Regime von Machthaber Baschar al-Assad Giftgas wirklich eingesetzt hat. Zu unentschlossen ist der Westen, ob er Waffen an die Rebellen liefern sollte.

So scheint der als Verkünder von Hoffnung und Wandel ins Amt gewählte Obama nach viereinhalb Jahren selbst nicht mehr recht an den entscheidenden Einfluss der Politik zu glauben. «Die Bedingungen für Frieden mögen von den Führern verhandelt werden, aber das Schicksal des Friedens hängt von Euch ab», erklärt er den Schülern.

Obamas Strategie ist nicht neu. Zuletzt verzichtete er im März bei seinem Israel-Besuch auf eine Rede vor der Knesset, um stattdessen vor Studenten emotionale und visionäre Worte zum Nahost-Konflikt zu finden. Er provozierte sie mit der Forderung, sich in die Menschen aus dem anderen Lager hineinzuversetzen. Im israelischen Parlament wäre das ein Affront gewesen, aber die Jugendlichen jubelten ihm zu.

Der Vater von zwei Teenager-Töchtern wirkt ohnehin vertrauter mit dem Nachwuchs als mit Gleichaltrigen. Als er die Belfaster Schüler in ihrem regionalen Slang ansprach, tobte der Saal vor Freude. Nach seiner Rede klatschen sie minutenlang begeistert im Takt. Die Kameras waren längst aus, da schüttelte Obama noch Hände und plauderte.

Seine Ehefrau Michelle erklärte den Ansatz in ihrer Eröffnungsrede am Montag so: «In ein paar Jahrzehnten tragt Ihr die Verantwortung», sagte sie. «Ihr habt die Freiheit der Unvoreingenommenheit.» Das kann der Präsident von seinen G8-Kollegen nicht behaupten. Vermutlich hat er sich auch deshalb viel Zeit gelassen mit der Ankunft am Lough Erne.