Analyse: Seehofers 95-Prozent-Fundament

Kein Parteivorsitzender in Deutschland kann seine Parteifreunde so quälen wie CSU-Chef Horst Seehofer - und dennoch mit einem so hohen Ergebnis wiedergewählt werden.

Analyse: Seehofers 95-Prozent-Fundament
Tobias Hase Analyse: Seehofers 95-Prozent-Fundament

95,3 Prozent holt Seehofer am Samstag beim CSU-Parteitag in München, das bisher beste Ergebnis seiner fünfjährigen Amtszeit. Damit ist Seehofer in jenen sagenumwobenen Bereich vorgestoßen, in dem sich einst Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber bewegten.

Praktische Bedeutung hat das nicht, doch zumindest kann Seehofer in der Schlussphase der Koalitionsverhandlungen nun mitleidig auf SPD-Chef Sigmar Gabriel und dessen magere 83,6 Prozent herabblicken. Und falls einer oder mehrere aus der Schar der Nachfolger mit den Hufen scharren sollten, darf Seehofer sich nun mit 95 Prozent gefestigt fühlen.

Zu verdanken hat Seehofer das mehreren Faktoren: der Rückeroberung der absoluten Mehrheit in Bayern, dem guten CSU-Ergebnis bei der Bundestagswahl und der Tatsache, dass die Koalitionsverhandlungen in Berlin noch nicht beendet sind. Es war von vornherein klar, dass die CSU ihren Chef in der entscheidenden Schlussphase der Koalitionsverhandlungen nicht schwächen würde.

Doch das ändert nichts daran, dass die CSU sich unaufhaltsam auf die Phase des Übergangs zubewegt, weil Seehofer 2018 seinen Abschied aus der Politik nehmen will. Beim nächsten CSU-Wahlparteitag in zwei Jahren werde Seehofer bereits nicht mehr so viele Stimmen holen, meinen mehrere Delegierte übereinstimmend. «Mehr als heute ist nicht drin», sagt ein CSU-Vorstand.

In den nächsten Tagen und Monaten stehen noch mehrere Herausforderungen bevor - der Abschluss der Koalitionsverhandlungen in Berlin, die bayerischen Kommunalwahlen im März und die Europawahl im Mai. Bis zum Bundestagswahlkampf 2017 gehen dann mehr als zwei Jahre ins Land, in denen die Parteidisziplin nachlassen wird; jedenfalls gab es in der CSU bisher in den vergleichsweise gefahrlosen Zeiten zwischen zwei Wahlkämpfen immer mehr Unruhe und Gerede als in Wahljahren.

Seehofer hat in den vergangenen Jahren viele führende Parteifreunde vor den Kopf gestoßen, manchmal intern, manchmal öffentlich. In den Berliner Koalitionsverhandlungen sind dem Vernehmen nach häufig Innenminister Hans-Peter Friedrich und Verkehrsminister Ramsauer die Opfer. Daneben gibt es noch Patienten im «Lazarett», wie Seehofer die Riege grollender oder verletzter ehemaliger CSU-Würdenträger nennt. Es käme einem Wunder gleich, wenn nicht einige offene Rechnungen begleichen wollten.

Wichtiger als die Reden sind bei Parteitagen oft die Gespräche und das Geschehen am Rande. Viele Delegierte registrierten aufmerksam, dass sich die zwei Hauptthronanwärter Markus Söder und Ilse Aigner auf dem Münchner Parteitag quasi als ein Herz und eine Seele präsentierten, Seite an Seite, und vertraut miteinander plauderten. In der CSU kursieren bereits Vermutungen, die zwei seien sich einig - Aigner solle Ministerpräsidentin werden und Söder Parteivorsitzender.

Doch die Dinge sind im Fluss. Nicht immer setzen sich die Favoriten durch. Neben Söder und Aigner, gibt es noch andere ehrgeizige CSU-Politiker, die als potenzielle Nachfolger gehandelt wurden - Bayerns Innenminister Joachim Herrmann etwa oder Staatskanzleichefin Christine Haderthauer. Und bei der Besetzung von Spitzenposten kommt es auch auf diejenigen an, die selbst gar keine Ambitionen haben. So stimmte auf dem Parteitag ein einsamer Delegierter bei der Wahl des Parteichefs für CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, obwohl der gar nicht kandidierte. Dobrindt zählte bislang weder zu den Thronanwärtern, noch scharrte er selbst mit den Hufen. Aber Dobrindt hat nach den zwei erfolgreichen Wahlkämpfen sehr an Ansehen gewonnen.