Analyse: SPD auf dem Weg zur «GroKo»?

Sigmar Gabriel sitzt seit Wochen in einer ziemlich rasanten Achterbahn. Erst geht es mit Schussfahrt nach unten: Nur 25,7 Prozent bei der Bundestagswahl, Putschgerüchte. Dann bekommt der SPD-Chef die Kurve, indem er einen Mitgliederentscheid verspricht: Er darf über eine große Koalition verhandeln.

Analyse: SPD auf dem Weg zur «GroKo»?
Maurizio Gambarini Analyse: SPD auf dem Weg zur «GroKo»?

Zwischendrin droht es ihn aus der Bahn zu werfen, die Basis murrt kräftig. Dann aber gelingt so mancher Erfolg bei den Koalitionsverhandlungen. Doch nun kommt zum Abschluss der Achterbahnfahrt nochmal ein waghalsiger Looping. Gabriel hofft, das er die Bahn danach als Vizekanzler verlassen kann.

Bisher erwartet kaum einer der führenden Genossen, dass Gabriel am Samstagnachmittag mit versteinertem Gesicht vor die Kameras tritt und das Undenkbare verkündet: Keine Zustimmung der SPD-Mitglieder zur großen Koalition. Es wäre, um im Bild zu bleiben, das Herauskatapultieren aus der Bahn. Gabriel und auch Generalsekretärin Andrea Nahles müssten wohl zurücktreten, der Vorstand und alle neun SPD-Ministerpräsidenten wären ebenfalls beschädigt, die 150 Jahre alte Partei in einer tiefen Krise. Einen Plan B gibt es bisher angeblich nicht.

Gibt es ein Nein, würde es zu einem Neuanlauf für Schwarz-Grün kommen. Scheitert auch dies, stünde Bundespräsident Joachim Gauck vor der Frage, ob er den Weg für Neuwahlen freimacht. Etwa wenn Kanzlerin Angela Merkel im Bundestag nach mehreren Anläufen nur mit einer einfachen, nicht einer absoluten Mehrheit gewählt wird. Dann müsste Gauck entscheiden, ob er sie ernennt und Merkel eine Minderheitsregierung führt, oder ob er den Bundestag auflöst.

Vier Jahre hatte man die SPD-Basis gegen Union und FDP auf die Bäume gejagt - nun war es schwer, alle wieder herunterzuholen. In der finalen Verhandlungsnacht vom 26. auf den 27. November wurde aber der Union so manches abgetrotzt: Die schrittweise Einführung eines Mindestlohns von 8,50 Euro ab 2015, Mietpreisbremsen für gefragte Wohngegenden, abschlagsfreie Rente für Nicht-Akademiker ab 63 bei 45 Beitragsjahren, Doppelpass für Migrantenkinder.

Der Basis wurde auf 32 Regionalkonferenzen eingebleut, es sei ein Koalitionsvertrag «für die kleinen Leute» - es liege in den Händen der Mitglieder, ob die Floristin oder die Friseurin künftig weiter 5 Euro oder 8,50 Euro die Stunde bekommen werden. Ticken die Mitglieder halbwegs so wie Otto Normalverbraucher, müsste es eine Zustimmung geben. Aber so ganz sicher sind sie sich in der SPD nicht.

Ausgerechnet in dem früheren Postbahnhof in Berlin-Kreuzberg, wo die SPD auf dem Bundesparteitag vor zwei Jahren einen rot-grünen Aufbruch beschwor, wird nun über das Schicksal der großen Koalition entschieden. Über 300 000 der 474 820 stimmberechtigten Mitglieder haben abgestimmt, Gabriel spricht von einem großen Sieg der innerparteilichen Demokratie.

Zuerst werden am Samstag bis zu 40 000 Briefe pro Stunde in der Halle aufgefräst - mit den gemieteten Hochleistungsmaschinen des Typs OL 1000 plus -, bevor dann 400 Helfer die Stimmen auszählen. Der Slogan des OL-1000-Herstellers lautet: «Wenn die Post so richtig abgehen soll». Die Post abgehen wird in jedem Fall nach Verkündung des Ergebnisses. Gibt es ein Ja, stellt sich sofort die Frage nach dem Personal. Sechs Ministerien könnte die SPD bekommen.

Gabriel (54) wird als Wirtschafts- und Energieminister gehandelt, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier (57) wie schon in der letzten großen Koalition als Außenminister. Generalsekretärin Andrea Nahles (43) könnte Arbeits- und SPD-Vize Manuela Schwesig (39) Familienministerin werden. Brigitte Zypries (60) könnte wie schon von 2002 bis 2009 erneut das Justizressort übernehmen - aber nur wenn die SPD nicht das Innenministerium bekommt, dies würde dann an Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann (59) gehen. Bleibt das Innen-Ressort bei der Union, dürfte Oppermann Fraktionschef werden.

Unklar ist, ob die SPD das Entwicklungs- oder das Bildungsministerium bekommt. Wenn der Fraktionschef wieder männlich ist und statt Nahles auch ein Mann Generalsekretär wird (gehandelt wird Ralf Stegner), dann könnten vier Frauen und zwei Männer die SPD im Kabinett vertreten. Sobald dies geklärt ist und die neuen Minister vereidigt sind, hofft die SPD vor allem auf eines: Weihnachtsruhe nach der Achterbahnfahrt.