Analyse: Steinbrücks Risiko

Am Freitagmorgen landet Peer Steinbrück am Flughafen Köln-Bonn und muss erst einmal sein «Stinkefinger»-Bild auf dem Titel des Magazins der «Süddeutschen Zeitung» signieren. «Das ist nicht etwas, was man skandalisieren muss», versucht er die Aufregung um seine Geste zu dämpfen.

Der SPD-Kanzlerkandidat appelliert an den Humor der Bürger. Sicher, von der Kanzlerin würde es solche Fotos nie geben. Aber Steinbrück kultiviert damit seinen polarisierenden Stil - die SPD wittert Morgenluft im Wahlkampf, doch ob so ein Foto hilft?

«Das Programm muss zum Kandidaten passen und der Kandidat zum Programm. Ihr müsst mir aber auch etwas Beinfreiheit einräumen», hatte Steinbrück vor knapp einem Jahr nach seiner Ausrufung zum Kanzlerkandidaten gesagt. Nach dem Holperstart war aber von der Beinfreiheit wenig zu sehen, die Partei beschloss ein eher linkes Programm mit Mindestlöhnen von 8,50 Euro und höheren Steuern.

Inzwischen hat Steinbrück seit dem «Burgfrieden» mit Parteichef Sigmar Gabriel beim Parteikonvent Mitte Juni besser Tritt gefasst. Und er nimmt sich die Beinfreiheit, zieht sein Ding durch. Dazu passt es auch, dass er beim Foto-Shooting den Mittelfinger zeigt.

In Windeseile hatte sich das von SZ-Magazin-Chefredakteur Timm Klotzek vorab getwitterte Titelbild im Internet verbreitet. Schon vor Erscheinen des Magazins teilte sich das Meinungsbild in die zwei Lager «Ironie muss noch erlaubt sein» und «Geht gar nicht».

Eine Steilvorlage ist es für den Gegner, der den moralischen Zeigefinger hebt: Union und FDP wettern gegen den «peinlichen Kandidaten». «Wer sich kurz vor der Wahl so präsentiert, will doch gar nicht Kanzler werden», meint der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach. «Ich habe dazu keine Worte», so Regierungssprecher Steffen Seibert. Insgesamt ist das Echo aber gemäßigter als etwa bei Steinbrücks Aussagen zum Kanzlergehalt.

Losgelöst vom Kontext der Frage in dem Ohne-Worte-Interview («Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi - um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?») kann einem Politiker so ein Bild mächtig auf die Füße fallen - gerade als Bundeskanzler. Im Willy-Brandt-Haus heißt es zurückhaltend: «Das ist halt Klartext. Aber wir müssen aufpassen, dass jetzt nicht wieder unsere Inhalte in den Hintergrund treten.»

Ob das Bild - Ende Juli entstanden, aber erst jetzt veröffentlicht - bei der Bundestagswahl Stimmen bringt oder kostet, ist eine hypothetische Frage. Steinbrück wusste nicht, dass er mit dem Mittelfinger-Foto den Titel zieren wird. In jedem Fall zeigt es: Steinbrück ist es egal, er setzt auf Risiko.

«Das schadet ihm natürlich. Das ist kein Kanzlerformat, sich so fotografieren zu lassen», meint der Politikberater Michael Spreng. Der Politologe Oskar Niedermayer glaubt, mit der Aktion habe er alte Vorurteile gegen sich bestätigt. Selbst wenn Steinbrück es ironisch meine, müsse er wissen, was der politische Gegner daraus mache.

Steinbrück inszeniert sich als Gegenmodell zu Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die Probleme aus seiner Sicht aussitzt. «Wenn sie den Finger hochnimmt, dann ist es nicht, um eine Richtung anzugeben, sondern um den Wind zu messen», meint er. Merkel kontert: «Ich handle nicht erst und denke dann. Ich mache das umgekehrt: Ich denke erst mal nach, dann entscheide ich, und dann handle ich.»

Inzwischen gibt es einen eigenen Twitter-Account: «Peers Finger». Hier werden Kurzbotschaften abgesetzt wie: «Lieber Gesten aus der Gosse statt Positionen aus dem Mittelalter.» Was sagt es über diesen Wahlkampf und die Öffentlichkeit aus, wenn es kaum Zukunftsdebatten über Europa, Energiewende, Pflege oder die Bändigung der Finanzmärkte gibt? Dafür Aufwallungen über die schwarz-rot-goldene Kette der Kanzlerin (Twitter-Account: «schlandkette»), den lange bekannten Vorschlag der Grünen für einen fleischlosen «Veggie-Day» in Kantinen - oder nun eben über ein ironisches Foto.

Jenseits davon zeigt sich rund eine Woche vor der Bundestagswahl: Nichts ist entschieden. Schwarz-Gelb und die Opposition liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die SPD hofft in der bayerischen Diaspora am Sonntag bei der Landtagswahl auf ein Ergebnis von 20 plus X, um mit voller Kraft in die letzte Wahlkampfwoche im Bund zu gehen. Im aktuellen ARD-«Deutschlandtrend» kommt die SPD bundesweit auf 28 Prozent, im «Politbarometer» des ZDF sind es derzeit 26.

Ein Kanzler Steinbrück scheint daher sehr unwahrscheinlich zu sein. Da Rot-Rot-Grün und eine «Ampel» mit Grünen und FDP ausgeschlossen werden, könnten die Zeichen am Ende auf große Koalition stehen. Steinbrück will dann zumindest noch die Gespräche mit der CDU/CSU leiten. Und versuchen, den Preis hochzutreiben - auch wenn er nicht nochmal Minister unter Merkel werden will. Je nach Ergebnis könnte aber auch gleich am Wahlabend für Steinbrück Schluss sein. Das Foto dürfte noch länger bleiben.