Analyse: Telekom verkauft Reichweite an Werbekonzern

Es ist lange her - aber für die Deutsche Telekom war die frühere Tochterfirma T-Online einst eine Perle. Das Internet und seine Geschäftsmöglichkeiten entfachten eine wahre Euphorie in der Branche und ließen die Börsenwerte von Internetfirmen in die Höhe schießen.

Davon wollte auch die Telekom profitieren, die ihre Tochter vier Jahre nach ihrem eigenen Börsengang mit einem Anteil von rund 10 Prozent an den Kapitalmarkt brachte. Und manche erinnern sich an jene virtuelle Kunstfigur mit gelbem Schopf, die sich ganz in Bond-Manier präsentierte und für den Börsengang warb: «Meine Name ist Robert, Robert-T-Online».

Rund 15 Jahre später erfolgt der Schnitt: Für die Telekom gehört der Bereich schon lange nicht mehr zum Kerngeschäft. Seit Monaten kursierten Gerüchte, dass das Unternehmen vor einem Verkauf von T-Online stehe. Genannt wurden Interessenten wie unter anderem auch der Springer Verlag. Jetzt schlägt der Werbevermarkter Ströer zu. Als Gegenleistung erhält die Telekom eine Beteiligung von voraussichtlich 11 bis 13 Prozent an Ströer.

Das Internet-Zugangsgeschäft spielt bei T-Online inzwischen keine Rolle mehr. Aber T-Online ist dennoch das meistbesuchte deutsche Webportal. Und zudem laufen noch heute rund 30 Millionen E-Mail-Adressen unter dem Namen T-Online. Für die Nutzer ändere sich nichts, der E-Mail-Dienst werde weiterhin von der Telekom auf ihren Servern betrieben, betonte der Bonner Konzern eindringlich.

Zugleich wählen sich viele über das Portal in ihre Mailbox ein. Das sei ein «nachhaltiger Traffic-Garant», sagt Ströer-Chef Udo Müller. Zu einer digitalen Litfaßsäule solle das «reine Medienangebot» T-Online auch unter neuer Regie nicht werden: «T-Online ist bereits maximal mit Werbung befüllt. Wenn wir etwas verändern, würden wir eher Werbung reduzieren.» Auf Kundendaten bekomme Ströer keinen Zugriff, betont er.

Entstanden war T-Online aus dem früheren Onlinedienst BTX, mit dem die damalige Bundespost 1983 an den Start gegangen war. Nach mehreren Umbenennungen kam das Unternehmen als T-Online International an die Börse. Ziel des damaligen Telekom-Vorstands: Das Zugangsgeschäft zum Internet nicht nur in Deutschland, sondern auch auf den europäischen Märkten weiter ausbauen. Denn T-Online war die Brücke zum Netz aller Netze und für viele Bundesbürger die Schaltstelle für den ersten Schritt ins Internet.

T-Online hatte sich sehr schnell bundesweit verankert und dominierte neben AOL Deutschland das Online-Zugangsgeschäft. Das Unternehmen wurde größer und beteiligte sich an Onlinediensten im Ausland - Club Internet in Frankreich oder ya.com in Spanien. Auch bei der Onlinebank comdirect stieg T-Online ein.

Doch das Rad der Veränderung drehte sich in der Branche viel schneller als die Telekom-Vordenker ahnten. Zum einen sorgte das Platzen der Internetblase für Ernüchterung, und beim Mutterkonzern setzte sich immer mehr die Erkenntnis durch, die Trennung der Bereiche Online, Festnetz und Mobilfunk sei kontraproduktiv. «Die Kunden wollten integrierte Produkte aus einer Hand haben», erinnert sich Telekom-Sprecher Andreas Leigers.

Die Telekom ruderte zurück: 2005 wurde T-Online wieder auf den Konzern verschmolzen, die außenstehenden Anteilseigner wurden abgefunden. Viele T-Online-Aktionäre waren schwer enttäuscht: Der Börsengang endete im Flop - nur fünf Jahre hatte sich die Gesellschaft an der Börse gehalten. Mit Einsprüchen bei Gericht versuchten einige Aktionäre, sich dafür entschädigen zu lassen beziehungsweise die Entscheidung ganz zurückzudrehen. Das klappte nicht ganz: Am Ende legte die Telekom noch 1,15 Euro je Aktie drauf. Doch über das Schicksal von T-Online war längst entschieden.