Analyse: Vergiftete Blumen bei der FDP

Die Stimmung im Präsidiumszimmer ist angespannt. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fasst den Blumenstrauß, den ihr Parteichef Philipp Rösler hinhält, ganz kurz an. Äußerst widerwillig. Als seien die Blumen vergiftet, was ja in gewisser Weise auch so ist.

Analyse: Vergiftete Blumen bei der FDP
Maurizio Gambarini Analyse: Vergiftete Blumen bei der FDP

Wer nach einer vernichtenden Wahlpleite wie am Sonntag den Strauß bekommt, ist öffentlich als Verlierer gebrandmarkt. Leutheusser ist zu Ohren gekommen, dass Rösler ihr als Landeschefin in Bayern einen «Schlafwagen-Wahlkampf» und den Absturz auf 3,3 Prozent ankreidet.

Die Bundesjustizministerin schleicht mit betretener Miene zurück an ihren Platz. Die anderen liberalen Alphatiere schauen gar nicht auf, bearbeiten ihre Handys und Computer. Für Abrechnungen ist es (noch) zu früh. In den gesenkten Köpfen der Versammelten werden aber längst Schlachtpläne und Allianzen durchgespielt, für die Zeit nach dem 22. September.

Niemand will sich in die Karten schauen lassen. Das würde illoyal und parteischädigend wirken. Jetzt, wo die ganze FDP in den Abgrund schaut. Denn wenn es ganz schlimm kommt, gibt es am Montag nach der Bundestagswahl gar nichts mehr, was man verteilen kann.

Nur Wolfgang Kubicki lässt unten im Atrium bei den Journalisten für einen Moment die Maske fallen und erkennen, dass sich in der Führung etwas zusammenbraut. Die bayerischen Parteifreunde hätten die Wahl vor die Wand gefahren, eigene Erfolge nicht gut verkauft. «Das ist wahrscheinlich eine Typenfrage», sagt der extrovertierte Kieler, der am Sonntag in den Bundestag will. Auch das zielt auf Leutheusser.

In Partei und Fraktion arbeiten einige daran, dass die Ministerin in einem schwarz-gelben Kabinett nicht mehr dabei wäre. Aus ihrem Umfeld wiederum kommt unverhohlen Kritik am Wahlkampfmanagement im Bund. Wieder habe sich die FDP an die Union gekettet, statt selbstbewusst auch andere Optionen - wie eine Ampel - zu erarbeiten.

Bei einem schwachen Bundesergebnis dürfte auch Spitzenkandidat Rainer Brüderle ins Schussfeld rücken. Sein Wahlkampf sei zu lasch, meint ein Mitglied der erweiterten Führung. Am Sonntag beim Bayern-Wahlabend war es der 40-jährige Rösler, der die demoralisierten Anhänger in der Parteizentrale laut und leidenschaftlich aufrichtete. Der 68-jährige Brüderle wirkte matt, der Applaus für ihn fiel ebenso aus. In den TV-Sendungen erklärte später Generalsekretär Patrick Döring die Niederlage, nicht der Spitzenkandidat.

Bis Sonntag muss die Zweckgemeinschaft halten. Die Partei ist in Lebensgefahr. Alles konzentriert sich auf das Ziel, in den letzten Tagen möglichst viele Unionswähler davon zu überzeugen, mit der Zweitstimme die Liberalen zu retten. Im ganzen Land umgarnt die Partei CDU/CSU-Direktkandidaten.

Wahlkreisabsprachen sollen einen knappen Sieg für Schwarz-Gelb sichern. Doch das veränderte Wahlrecht, das Überhangmandate ausgleicht, macht den Schwachpunkt dieses Deals deutlich. Er würde der FDP helfen, nicht der CDU. Ende der Woche wird die FDP Postkarten an über vier Millionen Haushalte verschicken. Auf die großen Plakate mit Brüderle wird der Spruch geklebt: «Jetzt geht's ums Ganze.»