Analyse: Warten, Hoffen und Angst

Lange Schlangen vor den Toiletten, lange Schlangen vor der Essenausgabe: Das Leben im Dresdner Zeltlager für Flüchtlinge und Asylbewerber verlangt nicht nur Geduld.

Analyse: Warten, Hoffen und Angst
Arno Burgi Analyse: Warten, Hoffen und Angst

Inzwischen leben hier rund 900 Menschen aus 15 Nationen. Syrer und Kosovo-Albaner teilen sich das Lager mit Menschen aus Afghanistan und Eritrea. Viele hat der Krieg aus ihrer Heimat getrieben. Andere sind gekommen, weil sie in Deutschland arbeiten wollen und sich hier Wohlstand versprechen. Was alle vereint, ist das Warten und Hoffen auf einen Bescheid, in Deutschland bleiben zu dürfen. Und das kann dauern.

«Das Schlimmste ist die Ungewissheit», sagt In Am Sayad Mahmood. Die Vorsitzende des Dresdner Ausländerrates stammt aus dem Irak, ist in Deutschland eingebürgert und spricht Arabisch und Persisch - Deutsch natürlich auch. In den vergangenen Tagen ist sie oft im Lager gewesen und hat dabei auch Trost spenden müssen. Mahmood erzählt von Kindern und schwangeren Frauen, für die die Ungewissheit besonders unerträglich sei: «Sie wissen nicht, wie lange sie hierbleiben. Das zermürbt viele.» Andere sorgten sich um ihre Gesundheit: «Ich wurde immer wieder gefragt, wann ein Arzt kommt.»

Manche der Betroffenen haben eine lange Odyssee hinter sich, nicht nur im Heimatland, sondern auch in Sachsen. Mahmood berichtet von Menschen, die von der zentralen Erstaufnahme in Chemnitz in deren Außenstelle nach Schneeberg kamen, dann in einem Hotel in Freital Unterkunft fanden und via Chemnitz nun im Dresdner Zeltlager landeten. «Das frustriert natürlich», sagt Mahmood. Viele seien nur mit leichter Kleidung nach Deutschland gekommen. Jetzt, wo die Nächte schon kühler sind, werde es für die Betroffenen immer ungemütlicher. Ein Lager wie das in Dresden drücke auf das Gemüt.

Mahmoods Tochter Maha wird noch deutlicher: «Dieses Lager ist eine Zumutung für alle. Die Unterbringung ist menschenunwürdig», sagt die junge Frau, die über das Netzwerk «Dresden für Alle» ehrenamtlich im Camp mithilft. Die Bewohner fühlten sich hilflos. Noch seien die Menschen ruhig, sagt Maha Mahmood und es klingt so, als könnte die Stimmung auch umschwenken. Aber was ist, wenn wie geplant noch 200 Flüchtlinge mehr kommen und alle im Zeltlager zusammenrücken müssen? Wenn es nach Maha Mahmood geht, sollten zuerst Familien mit Frauen und Kindern aus dieser Situation befreit werden.

In Windeseile war das Zeltlager in nur wenigen Stunden aus dem Boden gestampft worden. Am Mittwoch vergangener Woche erfuhren Sachsens Behörden aus dem Bundesinnenministerium, dass am darauffolgenden Wochenende 1100 Asylsuchende im Freistaat aufzunehmen waren. Nachdem die Entscheidung für den Standort Dresden gefallen war, rückten die Baumaschinen an. Am Abend standen schon knapp 50 Zelte, wenig später kamen die ersten Bewohner. Dass sie bei einem Teil der Dresdner nicht willkommen sind, war schnell klar. Rechtsextreme griffen Menschen an, die sich für die Interessen der Flüchtlinge einsetzen, und verletzten drei von ihnen.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) als Betreiber des Lagers verschweigt die schwierigen Bedingungen für die Bewohner nicht. «Grundsätzlich ist das Lager nicht zufriedenstellend», sagt DRK-Sprecher Kai Kranich und spricht von einer «Notlösung». Derzeit sei man vor allem bemüht, mehr Sanitäranlagen in Containern zu bekommen. Doch der Markt für solche Container sei aufgrund der steigenden Asylbewerberzahlen wie leer gefegt. Kranich verweist auf Ärzte, die ehrenamtlich im Camp arbeiten und auf einen Sanitätsstützpunkt, der rund um die Uhr geöffnet ist: «Die Erstversorgung ist gesichert.»

Dass sich das alles in einem der reichsten Länder der Welt abspielt, kann Ali Moradi, Geschäftsführer der Flüchtlingsrates in Sachsen, nicht verstehen. Die Entscheidung für ein Zeltlager nennt er grundsätzlich falsch. Schließlich hätte sich Sachsen lange auf diese Situation einstellen können, die steigenden Flüchtlingszahlen seien nicht erst seit kurzem bekannt. Und leere Wohnungen gebe es im Freistaat zur Genüge. «Die Menschen, die nach Deutschland kommen, haben viel Elend erlebt und viel hinter sich. Man sollte sie hier unter menschenwürdigen Umständen unterbringen.»

Bei einigen Flüchtlingen reißt der Geduldsfaden am Mittwochabend für kurze Zeit. Mit einer Sitzblockade protestieren etwa 40 von ihnen gegen die Lebensbedingungen im Lager. Ein paar Stunden später kommt es vor dem Camp zum Tumult. 50 Rechtsextreme sind aufmarschiert, bei einigen von ihnen finden Polizisten Sturmhauben und mit Quarzsand gefüllte Handschuhe. Zu Warten und Hoffen kommt Angst hinzu.