Analyse: Wer steckt hinter dem Mord an Putin-Gegner Nemzow?

Als brutal und hässlich verurteilt Kremlchef Wladimir Putin den Mord an seinem Erzfeind Boris Nemzow. Die Bluttat in Sichtweite des Kreml sei eine «Provokation», meint Putin.

Analyse: Wer steckt hinter dem Mord an Putin-Gegner Nemzow?
Sergei Ilnitsky Analyse: Wer steckt hinter dem Mord an Putin-Gegner Nemzow?

Auf der Großen Moskwa-Brücke stirbt der charismatische Oppositionsführer am späten Freitagabend - durch vier Schüsse in den Rücken. Alle tödlich. Selbst im Machtapparat nennen das viele feige, hinterhältig - und durch nichts zu rechtfertigen. Russland steht unter Schock.

Es ist zwar nicht der erste Mord an einem Putin-Gegner. Aber dass es mit dem früheren Vize-Regierungschef nun einen so schillernden Politiker getroffen hat, erschüttert viele auch in der Machtelite.

Zahlreiche Moskauer Bürger denken im ersten Augenblick des Schocks vor allem an einen: den Ex-KGB-Offizier, den früheren Chef des Inlandsgeheimdienstes, den heutigen Präsidenten - an Putin.

Die Schuldfrage, so heißt es in vielen Kommentaren fast übereinstimmend, wird wie bei ähnlichen Morden, die weltweit Entsetzen auslösen, wohl auch diesmal nie geklärt werden. Die Liste toter Kritiker des Kremlchefs ist inzwischen lang.

Doch so deutlich wie nie beklagen Beobachter, dass das Putin mit seiner Politik zu verantworten hat. Es ist eine Politik der Einschüchterung und des Drucks sowie der durch Staatsmedien befeuerten Hetzjagd auf Andersdenkende - ein Nährboden für solche Taten. Ein Klima der Angst.

Wie auf Kommando stellen die Staatsmedien auf Trauer um, als die Nachricht von Nemzows Tod um die Welt geht. Es sind dieselben Medien, die seit langem Schmutzkampagnen bringen - nicht nur gegen den 55-jährigen Nemzow, sondern gegen jeden, der Putin kritisiert. Russlands liberale Kräfte klagen, dass es kaum noch Luft zum Atmen gebe. Wer kann, verlässt das Land.

«Der Mord an Nemzow kann vielen im Machtapparat nützen», meint der Kommentator Alexander Minkin von der Boulevardzeitung «MK». Er vergleicht die Lage mit Zeiten unter Sowjetdiktator Josef Stalin. Wichtig für den Kreml sei allein, die Repressionen zu verschärfen.

Für die ohnehin gespaltene russische Opposition ist Nemzows Tod ein enormer Rückschlag. Keiner unter denen, die die Zukunft mitgestalten könnten, ist so erfahren und wortgewaltig wie er. Doch auch der Mann aus Sotschi vermochte es nie, die vielen Splittergruppen zu einen. Mehr denn je dürften sich deshalb nun die Augen auf den prominenten Korruptionsbekämpfer und Kremlkritiker Alexej Nawalny richten.

Ein Wendepunkt in der politischen Entwicklung Russlands sei der Mord an Nemzow, meint der Politologe Dmitri Trenin vom Carnegie Center in Moskau. Allerdings sieht er eher die Gefahr einer noch größeren Spaltung der Gesellschaft und immer weniger Gewissheit, dass neue Akteure auf die Bühne treten. Traditionell gelten solche politischen Verbrechen in Russland als Dämpfer, als Rückschlag, als Einschüchterung für die liberalen Kräfte. Unvergessen neben vielen anderen Morden ist etwa der Fall der vor ihrer Wohnung 2006 erschossen kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja. Sie starb damals am 7. Oktober - Putins Geburtstag.

Damals wie jetzt im Fall Nemzow ist der Machtapparat schnell dabei, jeden Verdacht zu zerstreuen. Die Kreml-Linie lautet: Solche Morde schadeten dem Präsidenten doch eher als dass sie ihm nützten. «Bei aller Achtung für das Andenken Boris Nemzows - in politischer Hinsicht hat er keine Bedrohung dargestellt (...)», sagt Putins Sprecher Dmitri Peskow in einem Radiointerview zu dem Verdacht.

Der frühere Vize-Regierungschef warf Putin zuletzt vor allem immer wieder eine «russische Aggression» gegen die Ukraine vor. Wegen seiner engen Kontakte zur prowestlichen neuen Regierung in Kiew zog Nemzow in seiner Heimat zunehmend offenen Hass und den Vorwurf des Verrats auf sich. Besonders im Lager der ultranationalistischen und extremististischen Patrioten hatte er viele Feinde.

Der Krieg der Verschwörungstheoretiker in Russland begann prompt nach dem Mord. Die wichtigste Frage sei doch, wem der Tod von Putins Erzfeind nütze, meint der Moskauer Journalist Maxim Schewtschenko. Er sieht Nemzow, der einst als ukrainischer Präsidentenberater (unter Viktor Juschtschenko) tief in die prowestliche Ukraine-Politik verwickelt war, als Figur in einem «blutigen Spiel».

«Für Kiew ist Nemzow eine mehr als wichtige und bedeutende und unglaublich symbolische Figur», sagt Schewtschenko. Seine These: Radikale ukrainische Kräfte könnten hinter dem Mord stecken, den Ukraine-Freund geopfert haben, um Putin einmal mehr als «blutigen Tyrannen» anzuprangern und den internationalen Druck auf Russland zu erhöhen. Dass der wichtigste Kritiker «des Kreml vom Kreml und nahe des Kreml» getötet wurde, hält er für Unsinn. «Das ist wie Dracula aus Hollywood - diese Geschichte fressen höchstens Trottel», sagt er.