Analyse: Wird der Balkan zum «Wartesaal für Flüchtlinge»?

Die radikalste Lösung hat der Landrat des kroatischen Kreises Sisak, Ivo Zinic, auf Lager: Er will Dutzende Asylbewerber ohne Papiere wieder in die Türkei zurückschaffen lassen, verkündete er.

Analyse: Wird der Balkan zum «Wartesaal für Flüchtlinge»?
Balazs Mohai Analyse: Wird der Balkan zum «Wartesaal für Flüchtlinge»?

Slowenien bemüht sich zeitgleich um die Rücksendung Hunderter illegal eingereister Flüchtlinge nach Kroatien.

Doch Zagreb winkt ab. Kroatien will jetzt seinerseits die bis zum Freitagmorgen registrierten mehr als 14 000 Flüchtlinge - von der großen Dunkelziffer wegen massenhafter Einreise über die «grüne Grenze» ganz zu schweigen - an der Grenze zu Ungarn absetzen. Dort wiederum wird in Eile ein neuer Grenzzaun zur Abwehr hochgezogen.

In einem regelrechten Hilferuf hatte Kroatiens Regierung die südlichen Nachbarn Serbien und Mazedonien aufgefordert, den weiteren Andrang zu unterbinden. Alle drei Länder zeigen zugleich mit dem Finger auf Griechenland, das «ein Auge zudrückt» bei der Anlandung neuer Flüchtlinge aus der Türkei auf seinen nahe gelegenen Inseln.

Wenn Athen die Schengen-Außengrenze nicht schützen wolle oder könne, dann müsse eben die EU dabei helfen. Kroatien wisse mit seiner über 1000 Kilometer langen Adria-Küste, dass diese Sicherung mit Schiffen machbar sei, meinte Regierungschef Zoran Milanovic am Freitag.

Aufhorchen ließ am selben Tag auch EU-Nachbarschaftskommissar Johannes Hahn. Der Balkan dürfe kein «Parkplatz oder Niemandsland» für Flüchtlinge werden, warnte er: «Das wäre ein schwerer geostrategischer Fehler.» Denn die krisenanfälligen und armen Balkan-Staaten würden dadurch zusätzlich destabilisiert. Schließlich sind Montenegro und Serbien EU-Beitrittskandidaten. Damit ist Brüssel daran interessiert, die noch von Korruption gebeutelten Länder näher an die Union heranzuführen, anstatt neue Hindernisse aufzubauen.

Serbien hat bis Mitte September nach Angaben der Polizei 130 000 Flüchtlinge durchgelassen. Daneben gibt es nicht erfasste Menschen, die sich in den Erstaufnahmelagern nicht registrieren lassen wollten.

Belgrad will mit einer humanen Behandlung in Brüssel punkten und hofft, als Belohnung noch in diesem Jahr das erste Kapitel der Beitrittsverhandlungen öffnen zu können. Doch Politiker und Medien haben Sorge, dass das Land auf vielen tausend Flüchtlingen sitzen bleibt und sich zu einem «Wartesaal» für sie entwickeln könnte. Berichten zufolge soll die Unterbringung der Menschen über den Winter eine Bedingung für Beitrittsverhandlungen sein.

Genau davor hat auch das EU-Neumitglied Kroatien Angst. «Als Auffanglager wird Kroatien nicht funktionieren», machte Regierungschef Milanovic am Freitag klar. Ausgeschlossen sei, dass in seinem Land 100 000 Flüchtlinge dauerhaft Aufnahme finden könnten. «Kroatien wäre dann ein Sammellager», sei aber «nur Transitland» und wolle die Flüchtlinge auch wieder los werden. «Was bleibt uns denn übrig, wenn wir die kroatische Wirtschaft und den Tourismus nicht ruinieren wollen?», beschrieb der Politiker die Sorgen.

Also werden die Flüchtlinge jetzt wieder in Richtung Ungarn gelenkt, das sich gleichzeitig aber mit einem weiteren Zaun zur Wehr setzt. Milanovic rechnet mit internationalem Druck auf Budapest, damit es nicht sein Militär gegen die Menschen einsetzt. Er vertraue auf die TV-Bilder der großen Fernsehanstalten, die über einen solchen Einsatz berichten würden.

Jedenfalls steht Kroatien selbst schon nach drei Tagen Flüchtlingskrise das Wasser bis zum Hals. Der neue Brennpunkt ist Beli Manastir im Nordosten des Landes - ganz in der Nähe zu Ungarn. Dort warten 8000 Flüchtlinge auf die Weiterreise. «Und 90 Prozent wollen nach Slowenien», berichteten Helfer.

Das Schengen-Land Slowenien hat Kroatien barsch zurechtgewiesen, weil es einen «humanitären Korridor» durch beide Länder in Richtung Österreich ins Spiel gebracht hatte. Das dürfe niemals geschehen, schimpfte Regierungschef Miro Cerar: Es wäre das falsche Signal an die Flüchtlinge.

Hunderte Menschen hat die slowenische Polizei schon festgesetzt - sie weiß aber nicht, was mit ihnen zu tun ist. Der internationale Zugverkehr wurde gestoppt, weil viele Flüchtlinge mit in Zagreb gekauften Tickets eingereist waren und damit bis in die Schweiz fahren wollten. Grenzkontrollen wurden wieder eingeführt. Nach der Abschottung Ungarns und Umleitung der Flüchtlinge auf der Balkanroute über Kroatien wird mit jedem Tag mehr Konfliktstoff aufgebaut.

Ungarn und Serbien beschimpfen sich gegenseitig, Serbien und Kroatien schenken sich ebenfalls nichts. Slowenien geht mit Kroatien hart ins Gericht. Und dass Mazedonien und Serbien immer mehr Flüchtlinge einfach durchwinken, macht ihnen weiter nördlich sicher keine Freunde. So belastet der Streit der Balkanländer um die Flüchtlinge die ohnehin angespannten Beziehungen noch zusätzlich. Doch eine Lösung, wohin die Menschen sollen, weiß auch niemand. Nur in einem sind sich alle einig: Sie sollen nicht bei ihnen bleiben.