Analyse: Wo die Bundeswehr das Kämpfen lernte

Kein Einsatz hat die Bundeswehr mehr geprägt als der in Kundus. Hier hat die Truppe kämpfen gelernt, hier wurde Deutschland in einen Krieg verwickelt. Ob die Mission ein Erfolg war, wird man erst in vielen Jahren beurteilen können.

Seit Tagen herrscht höchste Alarmbereitschaft in Kundus. Die Bundeswehr will unbedingt verhindern, dass die Taliban die Übergabe des Feldlagers an die afghanischen Verbündeten für einen symbolträchtigen Angriff nutzen.

Am Sonntag sind alle Kräfte eingesetzt, die die Truppe im laufenden Abzug noch aufbringen kann. Selbst im Camp haben an jeder Ecke schwer bewaffnete Soldaten Stellung bezogen, um Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) abzusichern. Der Aufwand zeigt, wie angespannt die Lage auch am Ende des zehnjährigen Bundeswehr-Einsatzes in Kundus ist.

Die Minister haben einen besonderen Gast mitgebracht: Tanja Menz, Mutter des Stabsgefreiten Konstantin Menz, der am 18. Februar 2008 in Afghanistan fiel. Für sie ist es die dritte Reise in die Region, wo sie «eine besondere Nähe» zu ihrem getöteten Sohn verspürt. Er war im Alter von nur 22 Jahren gemeinsam mit zwei Kameraden in der an Kundus angrenzenden Provinz Baghlan erschossen worden - von einem afghanischen Soldaten. Die Insider-Angriffe untergraben das Vertrauen in die einheimischen Sicherheitskräfte, erst am Samstag wurde in Südafghanistan auf diese Weise wieder ein ausländischer Soldat getötet.

Vor der Übergabezeremonie am Sonntag werden die afghanischen Sicherheitskräfte daher auf Waffen kontrolliert - «wie am Flughafen», sagt ein deutscher Offizier. Nur die Leibwächter der afghanischen Würdenträger - darunter Innenminister Umer Daudsai und Vize-Verteidigungsminister Nasrullah Nasari - dürfen Waffen tragen. Nasari richtet sein Wort in seiner Ansprache an Tanja Menz. Ihr Sohn sei nicht nur als deutscher Soldat gefallen, sagt der afghanische Regierungsvertreter. «Er hat sich geopfert und mit seinem Blut ein Zeichen gesetzt. Er ist auch ein Sohn dieses Landes.»

De Maizière nennt es «eine besonders große Ehre, dass heute die Mutter eines gefallenen deutschen Kameraden bei uns ist». Der Minister sagt außerdem: «Kundus, das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste zu kämpfen. Das war eine Zäsur - nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die deutsche Gesellschaft.»

Für viele Deutsche ist Kundus nicht nur ein Synonym für den Afghanistan-Einsatz insgesamt, sondern auch für Krieg. Hier lieferten sich deutsche Soldaten am Karfreitag 2010 die schwersten Gefechte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nirgendwo in Afghanistan fielen mehr Deutsche als in Kundus und Baghlan.

Bis Monatsende werden alle der derzeit noch 900 deutschen Soldaten Kundus verlassen haben - ein Meilenstein auf dem Weg zum Ende des Nato-Kampfeinsatzes in Afghanistan 2014. Sie werden ins letzte Bundeswehr-Feldlager in Nordafghanistan verlegt, ins Camp Marmal in Masar-i-Scharif. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind in den vergangenen Jahren zwar deutlich professioneller geworden. Die Menschen in Kundus verunsichert der Abzug der Bundeswehr trotzdem zutiefst. Sie erzählen, in den Dörfern prahlten die Taliban damit, dass sie die Deutschen geschlagen hätten.

Sicherheitshalber bleibt im Lager in Kundus ein abgeriegeltes Areal für maximal 300 Soldaten für die Bundeswehr reserviert - falls eine Eingreiftruppe aus Masar-i-Scharif den afghanischen Sicherheitskräften im Notfall beistehen muss. In diesem ummauerten Gelände waren einst die Spezialkräfte der Task Force 47 untergebracht. Dort gab Oberst Georg Klein den Befehl für den Luftschlag am 4. September 2009, der zum Tod auch vieler Zivilisten führte. Auch dieses verheerende Bombardement ist untrennbar mit dem Bundeswehr-Einsatz in Kundus verbunden.

Eine Hälfte des Camps in Kundus bezieht nun die Nationalarmee, die andere - getrennt von einer neuen Mauer - die Bereitschaftspolizei. Die Küchen wurden auf afghanische Bedürfnisse umgerüstet, komplexe deutsche Küchengeräte wurden durch Feuerstellen ersetzt. Am Sonntagmorgen wurde der Backofen für das afghanische Fladenbrot angefeuert. In einem der Esssäle - wo einst eine Rakete der Taliban einschlug -, warten Tische und Stühle auf die neuen Bewohner, rote afghanische Plüschsofas stehen an den Wänden.

Das Camp befindet sich in Auflösung. Die meisten Unterkünfte sind geräumt, die Soldaten sind auf Feldbetten zusammengerückt. Die «Kriseninterventionsdrops», die vor dem Büro des Truppenpsychologen standen, sind aufgebraucht. Das Feldlazarett allerdings ist bis zum Schluss in Betrieb - für den Fall der Fälle. Bis zum letzten Konvoi nach Masar-i-Scharif werden deutsche Soldaten weiterhin Patrouillen fahren, um das Feldlager gegen Taliban-Angriffe abzusichern.

Den Aufständischen gelingt es nicht, die Zeremonie am Sonntag zu stören. Nach der Camp-Übergabe steht Tanja Menz am Ehrenhain, der nach Potsdam gebracht werden wird und wo de Maizière und Westerwelle sich gerade Fragen der Presse stellen. Der Verteidigungsminister streift ihr danach im Vorbeigehen mitfühlend über den Arm.

Die Mutter, die im Krieg ihren Sohn verlor, hat davor gesagt: «Wir alle hoffen einfach, dass alle, die jetzt da sind, gut wieder nach Hause kommen.» Was sie über die Sinnhaftigkeit des Einsatzes denke? «Für mich persönlich, das ist natürlich klar, kann es nicht sinnvoll sein. Aber ich denke natürlich, dass es vielleicht insgesamt etwas gebracht hat», sagt Tanja Menz. «Aber ich kann das hoffen. Wissen, glaube ich, tun wir das erst in ein paar Jahren.»