Analyse: Zulieferer-Streit stürzt VW in den nächsten Alptraum

Als wäre der milliardenteure Diesel-Skandal nicht genug. Der Streit mit zwei Zulieferern bringt Volkswagen in Not.

Analyse: Zulieferer-Streit stürzt VW in den nächsten Alptraum
Julian Stratenschulte Analyse: Zulieferer-Streit stürzt VW in den nächsten Alptraum

Der Konzern könnte für mehr als 20 000 Werker in Deutschland Kurzarbeit anmelden, die Golf-Produktion in Wolfsburg steht bald still, die Lage ist weit mehr als ein Ärgernis.

Die Hintergründe der juristischen Auseinandersetzung sind unklar. Die Folgen sind drastisch - und noch nicht vollständig absehbar. Betroffen ist die Produktion der wichtigen Modelle Golf und Passat. Der Mutterkonzern der beiden Zulieferer ist der Mischkonzern Prevent. Im Englischen heißt das ausgerechnet «verhindern».

Volkswagen bekommt diese Wortbedeutung nun mit aller Kraft zu spüren. Eine der Prevent-Töchter, mit der VW Ärger hat, gehört erst seit Mai zum Konzern. Die zweite wurde im November 2015 übernommen. Diese zweite Firma ist die ES Automobilguss im sächsischen Schönheide - und genau hier liegt das derzeit wohl größte Problem von VW abseits des Skandals um manipulierte Abgaswerte.

Mit weniger als 400 Mitarbeitern fertigt das traditionsreiche Gießereiunternehmen auch Ausgleichgetriebegehäuse. Nach eigenen Angaben beliefert der Betrieb nicht nur VW, zumindest stehen auch andere bekannte Hersteller auf der im Internet einsehbaren Kundenliste. Viel sagen will die Firma nicht: «Unsere Unternehmensgruppe befindet sich in einer juristischen Auseinandersetzung mit Volkswagen und ist in diesem Zusammenhang auch zur Vertraulichkeit verpflichtet», sagte Geschäftsführer Alexander Gerstung am Donnerstag der dpa. Prevent und die Münchner Anwälte der Firma reagierten zunächst nicht auf Anfragen.

Es spricht einiges dafür, dass das sogenannte Ausgleichgetriebegehäuse - ein Gussteil - der Auslöser für den neuerlichen VW-Alptraum ist. 2014 hatte das Unternehmen ES Automobilguss fast 4 Millionen Euro investiert, einen Teil davon in «die Installation und Inbetriebnahme einer neuen Bearbeitungseinheit zur mechanischen Fertigbearbeitung von Differentialgehäusen der Baureihe MQB 450 von Volkswagen», wie es im letzten öffentlich verfügbaren Geschäftsbericht des Unternehmens heißt.

Vor Gericht hatte VW bisher Erfolg. Gegen die Tochter, die VW mit Sitzbezügen beliefert, habe der Autobauer bereits einen wirksamen Vollstreckungstitel, sagte ein Gerichtssprecher am Donnerstag. Bei dem Getriebeteil-Zulieferer sei das aber anders. Dort erließ das Landgericht Braunschweig zwar eine einstweilige Verfügung zugunsten von VW - doch davon haben die Wolfsburger erstmal nichts.

Das liegt an verschiedenen Verfahrenswegen: Beim Sitzzulieferer verhandelte das Gericht mündlich und traf eine Entscheidung - daher ist in diesem Fall nur das Rechtsmittel Berufung vor dem Oberlandesgericht möglich. Bei den Getriebeteilen lief es dagegen anfänglich ohne eine mündliche Verhandlung, was in diesem Fall einen Widerspruch erlaubte. Deswegen gibt es nun eine mündliche Verhandlung Ende August, wann das Urteil fällt ist offen. Und derzeit ist solange keine Lieferung zu erwarten - womöglich aber auch noch länger, falls die Entscheidung aus dem Gericht nicht die Wende bringt.

Dabei sind für einen Autohersteller Ausfälle in der Lieferkette auch unter normalen Umständen ein großes Problem. Teile werde nach dem sogenannten «Just in Sequence»-Prinzip geliefert: Das bedeutet, die Bauteile kommen nicht nur pünktlich zur Montage in die Fertigung, sondern auch in der richtigen Reihenfolge («Sequence») der produzierten Fahrzeuge.

Kommt etwa eine Karosse angefahren, haben die Arbeiter sofort das genau für dieses Auto gebrauchte Teil griffbereit. Fehlen Teile, stockt sofort die gesamte Produktion. Noch schlimmer ist es, wenn es kurzfristig keinen Ersatz gibt, weil ein Hersteller sich etwa nur auf einen Lieferanten verlässt. Das ist zwar selten, kommt aber vor. Schon kleine Unregelmäßigkeiten können viel durcheinanderwirbeln.

Dass VW angesichts des Streits zu derart drastischen Maßnahmen wie der Kurzarbeit greift, deutet darauf hin, dass Ersatz für die Teile zumindest nicht kurzfristig zu organisieren ist. VW hält sich zu Einzelheiten des Konflikts zurück. Betroffen sind die Werke Emden, das Stammwerk in Wolfsburg, die Produktion in Zwickau und das Getriebewerk in Kassel. Das betroffene Getriebe wird unter anderem im Golf verbaut, dem wichtigsten Modell der Wolfsburger.

Entscheidend ist, wie schnell VW Alternativen beschaffen kann. Der Konzern will sich nicht dazu äußern, ob er bei dem betroffenen Teil für die Getriebe überhaupt schon weitere Zulieferer an der Hand hat. Fakt ist: Von diesem Samstag an bis übernächsten Montag, also gut eine Woche, wird das Herz des Konzerns stillstehen. In der Golf-Produktion im Wolfsburger Stammwerk hält der Autobauer für Tage die Bänder an, nichts geht mehr. Ob dabei auch Kurzarbeit greift, ist noch in Klärung.

Wie stark Kunden den Streit zu spüren bekommen werden, ist noch unklar und hängt wesentlich davon ab, wie schnell der Konzern eine Lösung findet. Das gilt auch für die Kosten, die bei VW auflaufen.

Heftiger hatte es VW in Sachen Kurzarbeit zuletzt Anfang 2009 erwischt. Damals drosselte VW die Produktion in den Werken drastisch und schickte zigtausende Beschäftigte in Kurzarbeit. Grund war damals eine dramatische Absatzkrise infolge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Betroffen waren seinerzeit rund 60 000 Beschäftigte im Stammwerk Wolfsburg sowie in den Fabriken in Emden, Hannover und Zwickau.