Analyse: Zum Ende der Klimakonferenz kochen Emotionen hoch

Die Konferenzhalle in Le Bourget ist nach zwei Wochen Klimaverhandlungen leicht ramponiert. Kabel liegen herum. Der Kaffee-Verkäufer hat seine Maschine schon weggeräumt. Die Minister, die sich am Vormittag im Delegationsbüro der britischen Regierung treffen, sind müde, aber zufrieden.

Der Außenminister der Marshallinseln, Tony de Brum, verteilt Anstecker aus getrockneten Halmen. Sie sollen Glück bringen. Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) und EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete stecken sich die Gräser ans Revers.

Dann ziehen die Vertreter der «Koalition der Ehrgeizigen» - ein Bündnis von Industrienationen, Entwicklungsländern und einigen Schwellenländern - gemeinsam in den Plenarsaal ein. Auf ihrem Weg dorthin stehen Klimaschützer und Delegierte Spalier. Sie beklatschen die Minister wie eine Fußballmannschaft auf dem Weg ins Stadion.

Zwar ist es keiner Verhandlungsgruppe gelungen, alle Forderungen im Vertragstext unterzubringen. Die USA haben die Verpflichtung abgewehrt, eines Tages für Klimafolgen in anderen Ländern, die sie selbst mitverursacht haben, zu zahlen. Und selbst innerhalb der EU kriselte es zwischenzeitlich, weil die polnische Regierung bei der Abkehr von fossilen Brennstoffen nicht so weit gehen wollte wie der Rest der EU.

Trotzdem: Die konstruktiven Verhandlungen in Paris und auch die «Koalition der Ehrgeizigen», die das Ziel einer auf 1,5 Grad begrenzten Erderwärmung erstmals in einem völkerrechtlich bindenden Vertrag verankert haben, machen Mut. Dies gilt erst recht in einer Zeit neuer Spannungen zwischen Ost und West, in der die Weltgemeinschaft bei der Lösung so vieler Konflikte auf der Stelle tritt.

«Dass zu Beginn dieser Konferenz so viele Staats- und Regierungschefs gekommen sind wie nie zuvor, und dass wir gezeigt haben, dass eine Einigung zwischen Staaten mit so unterschiedlichen Interessen möglich ist, das alleine ist schon eine ganz wichtige Botschaft», sagt Beth Brunoro vom australischen Umweltministerium. Und: «Ich hoffe, dass dies auch ein Signal sein kann für die Lösung aktueller Konflikte.»

Für einige Teilnehmer dieses Verhandlungsmarathons ist ein Erfolg dieser Konferenz auch innenpolitisch bedeutsam. Das sind vor allem Tony de Brum und die anderen Vertreter kleiner Inselstaaten. Denn einige Inseln würden nach den Berechnungen der Wissenschaftler schon bei einem Temperaturanstieg um zwei Grad im Meer versinken.

Auch in Deutschland, den Niederlanden und anderen reichen Industrienationen, in denen sich viele Menschen für Umwelt- und Naturschutz engagieren, werden Regierungen auch danach beurteilt, wie hart sie international für den Klimaschutz kämpfen. Die Vertreter der arabischen Golfstaaten wollen ihrerseits mit der Botschaft nach Hause fliegen, dass die mit Öl- und Gas-Einnahmen finanzierten staatlichen Wohltaten für die Bürger weiter gesichert sind. Ihnen ist es in Paris gelungen, dafür zu sorgen, dass eine Abgabe auf fossile Energiequellen nicht in den völkerrechtlich bindenden Teil des Vertragsentwurfs aufgenommen wurde.

Die französischen Gastgeber brauchen den Erfolg aktuell womöglich noch dringender als jeder andere Teilnehmer dieser Konferenz. Denn Präsident François Hollande und die Regierung stehen massiv unter Druck. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Rechtsextremen des Front National konnten zuletzt weiter zulegen.

Inständig bittet Hollande die Verhandlungsstaaten deshalb am letzten Tag der Klimakonferenz, den von den Franzosen erarbeiteten Kompromiss anzunehmen. Er erinnert dabei auch noch einmal an das Blutbad, das Terroristen im November in Paris angerichtet haben. Er sagt: «Ich wäre persönlich glücklich, fast erleichtert, ich wäre sogar stolz, wenn diese Botschaft von Paris ausgehen würde, denn Paris ist vor nur einem Monat von Mördern heimgesucht worden.»