Analyse: Schäuble und Varoufakis kommen keinen Schritt voran

Zum ersten Mal ist ein Mitglied der neuen griechischen Regierung in Berlin - Finanzminister Varoufakis, den manche schon mit Lord Voldemort vergleichen. Wenigstens ist man sich einig darin, dass man sich uneinig ist. Oder nicht einmal das?

Man kennt das jetzt schon von Griechenlands neuem Finanzminister. Das Hemd lässt Gianis Varoufakis, anderthalb Wochen im Amt, auch beim ersten Besuch in Berlin über der Hose hängen. Die rechte Hand behält der linke Wirtschaftsprofessor die meiste Zeit in der Tasche, selbst wenn er neben dem Kollegen Wolfgang Schäuble steht. Und auf eine Krawatte hat der 53-Jährige natürlich wieder verzichtet.

Ansonsten aber liefert Varoufakis an diesem Tag zusammen mit Schäuble den Beweis, dass man auch bei unterschiedlichster Auslegung der aktuellen Herrenmode höflichst miteinander umgehen kann - ganz zu schweigen von den sehr verschiedenen Meinungen, die die beiden Finanzminister nach wie vor darüber haben, wie man aus der europäischen Schuldenkrise wieder herauskommt. Denn Fortschritte lassen sich nach dem zweistündigem Gespräch keine feststellen.

Aber wenigstens gehen Schäuble (grauer Anzug, weißes Hemd, lila Krawatte) und der Grieche im Bundesfinanzministerium aufs Freundlichste miteinander um. Fast schon staatsmännisch schreitet Varoufakis neben dem Rollstuhl des Kollegen daher, als die beiden mit einer Dreiviertelstunde Verspätung zur Pressekonferenz kommen. Es dauert Minuten, bis sich Dutzende Kameras beruhigt haben.

Was gab es vor diesem Treffen nicht alles zu lesen! Das große Duell, die Abrechnung, das Endspiel zwischen dem größten Schuldensünder und dem allerstrengsten Kassenwart der Eurozone. Und nun? Äußern beide zunächst einmal Freude, dass man sich endlich persönlich sieht und Verständnis für die Sichtweise des anderen. Schäuble gibt den Ton vor: «Wir haben uns lange und intensiv unterhalten - nicht in völliger Übereinstimmung, aber das wäre ja auch nicht überzeugend.»

Varoufakis ist, bei aller coolen Pose, die Anspannung anzumerken. Im Unterschied zu seinen Auftritten in anderen europäischen Hauptstädten und bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt liest er sein Eingangsstatement vom Blatt ab. Der Finanzminister weiß, dass es hier mehr auf seine Worte ankommt als anderswo. Zumal die EZB allen Bitten zum Trotz den griechischen Banken den Zugang zu frischem Geld kurz zuvor noch mal erschwert hatte.

Und ein wenig angefressen über die Kommentare aus Deutschland ist Varoufakis auch. Noch vor dem Termin bei Schäuble verschickt er auf seinem Twitter-Account eine Fotomontage der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», die ihn mit dem glatzköpfigen Lord Voldemort vergleicht, dem überaus bösen Gegenspieler von Harry Potter. Kommentar dazu: «Wie tief kann man sinken?»

Beim Auftritt mit Schäuble bleibt es bei kleineren Nickeligkeiten. Etwa, als der Deutsche die unterschiedliche Sicht der Dinge in die alte Diplomatenformel «We agree to disagree» («Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind.») kleiden will. Varoufakis schiebt hinterher: «Wir sind uns nach meinem Verständnis nicht einmal darin einig. Wir sind uns einig darin, dass wir als Partner Beratungen mit dem gemeinsamen Ziel aufnehmen, zu einer Lösung in europäischem Interesse zu kommen.»

Was das konkret bedeuten könnte, bleibt unklar. Varoufakis verspricht aber ein «Höchstmaß an Vernunft». Deutschland sei mit seiner Geschichte in ganz Europa das «Land, das uns am besten verstehen kann», weil es die Auswirkungen von Demütigung und Hoffnungslosigkeit kenne. Schäuble wiederum tritt Befürchtungen entgegen, Deutschland wolle Europa dominieren. «Das ist Unsinn.» Jeder müsse aber seine eigenen Aufgaben erledigen.

Der CDU-Mann erinnerte bei dieser Gelegenheit an einen Goethe-Spruch, mit dem in seiner badischen Heimat früher die Müllabfuhr unterwegs war: «Ein jeder kehre vor seiner Tür, und rein ist jedes Stadtquartier.»

Das Zitat geht übrigens noch weiter. «Ein jeder übe seine Lektion, so wird es gut im Rate stohn.» Wenn dem so ist, dann wäre noch eine Woche Zeit. Am nächsten Donnerstag trifft sich in Brüssel der Rat der EU-Staats- und Regierungschefs. Wichtigstes Thema neben der Ukraine: das Hilfsprogramm für Griechenland, das am 28. Februar ausläuft. Gut steht dafür noch nichts.