Analyse: Schwarz-Grün zwischen Chancen und Feindbildern

Aufgeräumt marschieren Grüne und Schwarze in ihre Sondierung - doch mit den Grünen wäre eine Koalition für die Union wohl schwerer als mit der SPD. Die Ökopartei steckt mitten im Umbruch.

Analyse: Schwarz-Grün zwischen Chancen und Feindbildern
Peter Kneffel Analyse: Schwarz-Grün zwischen Chancen und Feindbildern

Der Gang in die Sondierung stockt zunächst: Sieben Grüne warten um 16.18 Uhr erst einmal auf den achten ihrer Verhandlungsgruppe - Jürgen Trittin fehlt noch. Zeit für eine Frage an die Parteichefin. Was sie sich zum Essen wünscht, während sie mit der Union spricht? «Käsespätzle wär nicht das Schlechteste», sagt Roth. Handgeschabt wäre das sogar eine vertrauensbildende Maßnahme.

Als Trittin dazustößt, geht es durch den Regen rein die Parlamentarische Gesellschaft in Berlin, wo das Treffen stattfindet. Wie die Stimmung ist? «Regnerisch», meint Trittin. Die Vize-Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, scheint hingegen optimistischer: «Die Stimmung ist besser als das Wetter.» Zehn Minuten später kommt die Unionstruppe und nimmt anders als die Grünen trockenen Fußes eine Abkürzung durch ein Nebengebäude. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) belässt es bei einem Lächeln.

Vertrauensbildende Maßnahmen und Freundlichkeiten sind nach den monatelangen Attacken im Wahlkampf auch bitter nötig. Auch jetzt noch zucken Unionspolitiker bei der Vorstellung zusammen, dass mit Trittin das personifizierte Feindbild der CSU in einem schwarz-grünen Bundeskabinett vertreten sein könnte. Da sich CSU-Chef Horst Seehofer mit Trittin zunächst nicht einmal zur Sondierung setzen wollte - und es dann doch tat - wäre Trittin als Minister für ihn schwer vorstellbar.

Seehofer werde womöglich schon deshalb versuchen, Schwarz-Grün zu verhindern, heißt es in Unionskreisen. Dass er für Schwarz-Rot ist, hat der CSU-Chef auch immer wieder durchblicken lassen. Öffentlich gab sich der bayerische Ministerpräsident allerdings recht aufgeschlossen. «Das ist keine Placebo-Veranstaltung», sagte er mit ernster Miene. Und sprach sogar von der Möglichkeit einer zweiten Sondierungsrunde.

Zu den größten Sorgen der Union zählt, dass sich die Grünen mit ihrer neuen Führungsspitze nach den Wahlverlusten erst noch orientieren müssen und nicht gleich die erste schwarz-grüne Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik stemmen könnten. Bei den Grünen wisse man nicht, mit wem man was besprechen solle. Bei der SPD sei klar: Für Schwarz-Rot stehe Parteichef Sigmar Gabriel.

Allerdings erscheint sicher, dass es ohne die alte Garde bei den Grünen nicht gehen würde. Jürgen Trittin und Claudia Roth würden gebraucht, heißt es in der Partei, um die linken Grünen herumzureißen. Drei Stunden lang saßen sie mit den anderen grünen Sondierern vorher in der Parteizentrale, um den Fahrplan für die Sondierung abzustecken. Klar war: Obwohl die Grünen seit ihrem 8,4-Prozent-Debakel vor allem mit sich selbst beschäftigt waren, wollten sie doch geordnet gegenüber der Union auftreten.

In der Union scheint das Zutrauen zu Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann am größten. Doch ausgerechnet er erklärte vor dem ersten Treffen: «Ich bin nicht sehr optimistisch.» Bei den Grünen polarisiert Kretschmann - dass der Oberrealo aus Südwest Schwarz-Grün auf einem Parteitag durchsetzen könnte, ist nicht greifbar.

Die Unionsverhandler hätten sowohl mit den Grünen als auch mit der SPD eine Überraschungstüte auf dem Tisch. Bei der SPD trifft die Entscheidung über eine schwarz-rote Koalition nicht Gabriel mit seinem Spitzenteam - sondern die Basis. NRW-Bundesratsministerin Angelica Schwall-Düren (SPD) sagt: «Die Bedenken der SPD können nur wettgemacht werden durch elementare Ergebnisse.»

In der CDU-Führung heißt es dazu: «Wenn wir einen Vertrag aushandeln, sind wir auch zum Erfolg verdammt.» Im Konrad-Adenauer-Haus mag sich niemand die Situation vorstellen, dass die SPD-Mitglieder am Ende Nein sagen. Die Grünen wollen sich Schwarz-Grün jedenfalls nicht so lange offen halten. «Ich bin nicht Ersatzspieler», sagte Roth.

Bei den Grünen ist die Lage nicht weniger kompliziert. Zunächst haben sie in einer Woche großen Parteitag in Berlin. Nicht nur ihre neue Führung wollen sie dort wählen - sondern sich wohl auch zu Koalition oder Opposition positionieren. Folglich müsste bis dahin klar werden, ob die schwarz-roten Gespräche in Verhandlungen münden - oder die Grünen-Verhandler müssten sehr konkrete Angebote von der Union mitbringen, so dass ein Parteitags-Votum zum Verhandeln überhaupt denkbar erscheint.

Falls es tatsächlich zu schwarz-grünen Verhandlungen und einem Koalitionsvertrag käme, würde in der Partei ein «Himmelfahrtskommando» beginnen, sagt ein Grünen-Stratege. Ob die Basis - auf einem Sonderparteitag, wie bisher vorgesehen, oder doch per Mitgliederentscheid - da mitmacht, ist offen.