Analyse: Spürbare Erschöpfung am Tag eins

Angela Merkel zuckt mit den Achseln. Gerade hat Bundestagspräsident Norbert Lammert das Ergebnis verlesen: 462 Abgeordnete haben mit Ja gestimmt. Das sind 42 Stimmen weniger als die neue Koalition Abgeordnete hat.

Analyse: Spürbare Erschöpfung am Tag eins
Kay Nietfeld Analyse: Spürbare Erschöpfung am Tag eins

Bei einer schwarz-roten Mehrheit von über 80 Prozent im Parlament ist das aber nicht einmal ein Dämpfer. Im Vergleich zur großen Koalition 2005 und dem schwarz- gelben Bündnis 2009 ist es sogar Merkels bestes Ergebnis. Merkel könnte also auch jubeln. Aber das tut sie nie. Doch sie lächelt.

Es ist Dienstag, 10.12 Uhr, die CDU-Vorsitzende ist zum dritten Mal in Folge zur Bundeskanzlerin gewählt worden. Ein großer Tag für die 59-Jährige. Auch ein großer Tag für die SPD, die nach vier Jahren wieder in die Regierung einzieht. Doch die Stimmung im Bundestag ist ruhig. Die Erschöpfung nach einem anstrengenden Jahr ist spürbar.

Die bisherige SPD-Generalsekretärin und künftige Arbeitsministerin Andrea Nahles gesteht ihre Aufregung vor ihrer Eidesleistung im Parlament. Sie bekennt aber auch, dass sie nach dem anstrengenden Wahlkampf, den mühsamen Koalitionsverhandlungen und dem aufreibenden SPD-Mitgliedervotum ausgebrannt ist. Stecker raus. So geht es vielen. Dabei geht es jetzt erst los. Es ist Tag eins der neuen Regierung.

«Endlich», sagt der CDU-Haushaltsexperte Norbert Barthle, sei die Ungewissheit, was wie werden wird, zu Ende. Es waren die längsten Koalitionsverhandlungen in der Geschichte der Bundesrepublik. «Das zerrt an den Nerven, das schlägt auf die Stimmung», räumt er ein. Die Parlamentsarbeit habe zu lange brach gelegen, beklagen Abgeordnete durch alle Parteien. Die Grünen-Politikerin Renate Künast ist froh, dass es jetzt losgehen kann. Auch sie wirkt genervt.

Ein Unionspolitiker schließt nicht aus, dass auch aus CDU und CSU in der geheimen Kanzlerwahl die ein oder andere Nein-Stimme kam. Manche Hoffnungen auf Ergebnisse oder die eigene Karriere seien enttäuscht worden. Enttäuschung sogar bei Thomas de Maizière. Er sei schon schwer, lässt der neue Bundesinnenminister wissen, das Verteidigungsministerium abgeben zu müssen. Das übernimmt die bisherige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (beide CDU) - das vielleicht begehrteste Gesicht für Fotografen an diesem Tag.

Bei den Grünen wird getuschelt, dass Merkel der 55-Jährigen damit eine Prüfung auferlege. Beiße sie sich in diesem extrem schwierigen Amt durch, sei sie Merkels mögliche Nachfolgerin 2017. Allgemein bekannt ist aber, dass das Verteidigungsministerium mit den vielen Fallstricken durch Skandale in der Bundeswehr, durch heikle Rüstungsgeschäfte und einem Eigenleben in dem weitverzweigten Militärapparat ein Schleudersitz ist. Bleibt von der Leyen nicht im Sattel, wäre auch diese Konkurrenz für Merkel weg.

Von der Leyen selbst lässt sich zu keinen Spekulationen über 2017 hinreißen. Sie sagt, jede Generation habe ihren Kanzler. Für ihre Generation sei Merkel die perfekte Kanzlerin. Bei den Jüngeren fiel der Blick bisher auf David McAllister. Er scheiterte jedoch bei der Niedersachsen-Wahl. Merkel schätzt ihn aber sehr. Nun wird er CDU- Spitzenkandidat für die Europawahl. Chance für einen neuen Anlauf.

Um 10.13 Uhr umarmt Unionsfraktionschef Volker Kauder seine wiedergewählte Kanzlerin. Der neue SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann beeilt sich, ihr einen roten Gerbera-Strauß zu überreichen. Die Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel (SPD) und Horst Seehofer (CSU) reihen sich zum Gratulieren ein. Ronald Pofalla gibt Merkel ein Wangenküsschen. Es ist sein letzter Tag als Kanzleramtsminister in dieser Nähe Merkelscher Macht. Pofalla hört auf. Freiwillig.

Auf der Tribüne sitzt Merkels Mutter Herlinde Kasner - eingerahmt von Merkels Büroleiterin Beate Baumann und ihrer medienpolitischen Beraterin Eva Christiansen. Es wirkt wie ein Familienbild, so als wären Baumann und Christiansen Schwestern von Merkel. Im Geiste sind sie es sicherlich. Denn es gibt kaum Frauen, mit denen Merkel vertrauensvoller verbunden ist. Daneben sitzt die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU). Sie drückt Kasners Hand. Später sagt die 85-Jährige Kasner: «Mir geht es glänzend.»

Merkels Ehemann Joachim Sauer blieb sich treu: Auch zur dritten Wahl seiner Frau zur Kanzlerin ist der medienscheue Chemieprofessor nicht gekommen. Gekommen ist aber Guido Westerwelle. Es ist der letzte Tag des FDP-Politikers als Außenminister. Die FDP gehört dem neuen Bundestag nicht mehr an und muss sich nun außerparlamentarisch bewähren. Kauder spricht von einem «schönen Zeichen». Für Westerwelle vermutlich ein schwerer Gang.

Lammert sagt später in der Lobby des Reichstagsgebäudes zur erneuten Wiederwahl von Merkel: «Ich könnte mich daran gewöhnen.» Die Nein-Stimmen seien keine Überraschung. Schließlich habe die SPD im Wahlkampf Merkel noch bekämpft.