Angeklagter Transplantationsarzt bestreitet Organmangel

Im Göttinger Prozess um Betrug bei Organtransplantationen hat der angeklagte Arzt einen Mangel an Spender-Lebern bestritten.

«Es gibt keinen Organmangel», sagte der 46-Jährige am Freitag vor dem Landgericht. Das Angebot reiche aus für alle Patienten, die dringend ein Organ brauchten. Würden sogenannte stabile Patienten von der Warteliste der zentralen Vergabestelle Eurotransplant entfernt, gäbe es sogar ein Überangebot, sagt der Mediziner. Der frühere Chef der Transplantationsmedizin im Göttinger Uniklinikum muss sich unter anderem wegen versuchten Totschlags in elf Fällen verantworten.

Die Anklage geht davon aus, dass durch die Machenschaften des Angeklagten andere kranke Patienten keine Organe bekommen haben und deshalb möglicherweise gestorben sind. Dem Arzt wird auch Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Er soll drei Patienten ohne medizinische Notwendigkeit Lebern übertragen haben. Sie waren anschließend gestorben.

Der Mediziner soll Manipulationen veranlasst haben, um schneller Organe für seine Patienten zu bekommen. Der Arzt habe selbst aber keine falschen Daten in das Meldesystem für Eurotransplant eingegeben, sagte der Ermittlungsführer der Polizei als Zeuge.

Wie schwer der Beweis dafür werden könnte, dass andere Patienten zu Schaden gekommen sind, deutete sich im Prozess an. Das Gericht verlas exemplarisch für einen Fall das Protokoll von Eurotransplant. Danach haben Patienten, die durch die angeblichen Manipulationen in Göttingen auf der Warteliste nach hinten rutschten, trotzdem Spenderlebern erhalten.

Auf die konkreten Vorwürfe der Staatsanwaltschaft ging der Arzt auch am zweiten Verhandlungstag nicht ein. Er erklärte jedoch, es habe für Patienten mit einem dringenden Bedarf immer genügend Spenderorgane gegeben. Auf Fragen von Staatsanwaltschaft und Nebenklage antwortete der Angeklagte nicht. Verteidiger Steffen Stern begründete dies mit Zweifeln daran, dass beide ein echtes Aufklärungsinteresse hätten.

Finanzielle Motive hätten für ihn bei seiner Arbeit keine Rolle gespielt, sagte der Arzt. Die Bonuszahlungen in Höhe von 1500 Euro ab einer bestimmten Zahl von Lebertransplantationen seien in der Summe niedriger gewesen, als wenn er Überstunden hätte abrechnen können. Er sei bis zu 30 Tage im Monat und zwölf Monate im Jahr in der Klinik tätig gewesen. Der Arzt, der neben seinem deutschen auch einen israelischen Pass hat, sitzt seit Januar wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft.

Bei dem Prozess handelt es sich um das bundesweit erste Verfahren, in dem einem Arzt nach Manipulation von Patientendaten Tötungsdelikte vorgeworfen werden. Für den Prozess sind bislang bis Mai 2014 mehr als 40 Verhandlungstage angesetzt.

Nach Bekanntwerden des Falles, der im vergangenen Sommer bundesweit Schlagzeilen gemacht hatte, sank die Bereitschaft zur Organspende merklich. Nach Angaben der DSO ging die Anzahl der Organspender seither um fast 20 Prozent zurück.