Ansturm auf katalanische Volksbefragung zur Unabhängigkeit

Wie Tausende andere Katalanen stellte Pep Guardiola sich in eine Warteschlange. Der Trainer des deutschen Fußballmeisters Bayern München harrte vor einem Wahllokal in Barcelona aus, bis er seinen Stimmzettel in die Urne werfen konnte.

Ansturm auf katalanische Volksbefragung zur Unabhängigkeit
Toni Albir Ansturm auf katalanische Volksbefragung zur Unabhängigkeit

Es ging um die Unabhängigkeit Kataloniens, auch wenn es «nur» eine Volksbefragung war.

«Wenn so viele Menschen abstimmen wollen, gibt es keine Gesetze, die sie daran hindern können», sagte der FC-Bayern-Coach. Er war nach dem 4:0-Sieg seines Teams bei Eintracht Frankfurt eigens in seine katalanische Heimat geflogen, um an der inoffiziellen Befragung teilzunehmen.

Trotz kühler Witterung hatten sich vor den Stimmlokalen in der Region im Nordosten Spaniens lange Schlangen gebildet, die sich mancherorts sogar um mehrere Häuserblocks wanden. «Ich hoffe, mein Traum, Katalonien befreit zu sehen, geht noch zu meinen Lebzeiten in Erfüllung», sagte eine 74-jährige Rentnerin der Nachrichtenagentur dpa. Das spanische Verfassungsgericht hatte die Volksbefragung untersagt, nachdem die Madrider Zentralregierung eine Verfassungsklage präsentiert hatte.

Die Katalanen hielten sich aber nicht an das Verbot. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein und forderte bei der Polizei eine Liste der Verantwortlichen an, die die Schulen und andere staatliche Einrichtungen als Wahllokale zur Verfügung gestellt hatten. «Wenn die Staatsanwaltschaft einen Verantwortlichen sucht, braucht sie nur mich anzuschauen», sagte Kataloniens Regierungschef Artur Mas. «Ich und meine Regierung sind die Verantwortlichen.»

Die unverbindliche Befragung blieb hinter den Erwartungen der katalonischen Regierung zurück, die eigentlich ein Unabhängigkeitsreferendum wie die Schotten hatte abhalten wollen. «Ich glaube, dass wir uns nun eine definitive Volksabstimmung verdient haben», sagte Mas.

Da die Befragung im Grunde illegal war und von der Madrider Regierung nur geduldet wurde, gab es keine Wählerlisten. Zur Teilnahme reichte die Vorlage des Personalausweises. Die Urnen waren aus Pappkarton zusammengeklebt worden. Als Wahlhelfer waren 40 000 Freiwillige im Einsatz.

Die Zeitung «El Periódico» beschrieb die Befragung unter Hinweis auf den schwedischen Möbelkonzern als eine «Ikea-Abstimmung». «Die Regierung hatte die Vorarbeit geleistet und die Anleitungen geliefert», schrieb das Blatt. «Die Montage lag in der Hand der Helfer und der Wähler.»

Für Kataloniens Regierungschef geriet die Befragung zu einem Drahtseilakt. Einerseits musste er sich Zurückhaltung auferlegen, um Madrid nicht vor den Kopf zu stoßen. Andererseits wollte er sich aus der Organisation auch nicht ganz ausklinken, denn die Abstimmung sollte einen halbwegs offiziösen Charakter haben.

Die spanische Zentralregierung stufte die Befragung als «nutzlos» und «undemokratisch» ein. Die Abstimmung sei unverbindlich und werde der katalanischen Regierung nicht zum Vorteil gereichen. Auch in Katalonien gab es kritische Stimmen. «Die Befragung ist ein Betrug und eine Farce», sagte die Parteichefin der katalanischen Konservativen, Alicia Sánchez Camacho. Ein Passant in Barcelona meinte: «Katalonien ist ein unverzichtbarer Teil Spaniens.»

Neben Guardiola waren auch andere Katalanen aus dem Ausland angereist, um ihre Stimme abzugeben. Aus Mailand kam der Anwalt Emili Perona, der sich in Italien als Landeskooordinator der Separatistenbewegung Katalanische Nationalversammlung (ANC) für die Unabhängigkeit der Region einsetzt. «Es war sehr bewegend, zu sehen, wie junge Menschen, aber auch 70- oder 80-Jährige im meinem Viertel Eixample schon um neun Uhr geduldig und lächelnd Schlange standen», sagte er am Telefon der Nachrichtenagentur dpa.

Perona erreichte in Italien, dass der legendäre Autor, Regisseur und Schauspieler Dario Fo ein internationales Internet-Manifest für ein Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien unterzeichnete. Unter den 25 Unterzeichnern sind auch die Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Adolfo Pérez Esquivel, der britische Filmregisseur Ken Loach, der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes und Ex-Fußballstar Johan Cruyff.