«Aquanauten» brechen Unterwasser-Rekord

Gnadenlos auf dem Trockenen saßen Bruce Cantrell und Jessica Fain in ihren zweieinhalb Monaten unter Wasser.

«Aquanauten» brechen Unterwasser-Rekord
Johannes Schmitt-Tegge «Aquanauten» brechen Unterwasser-Rekord

Nicht einen Schluck Alkohol durften die «Aquanauten» bei ihrem Versuch, die längste Zeit unter Wasser zu verbringen, zu sich nehmen. Der kleine Kühlschrank in ihrer Kochnische blieb aus Sicherheitsgründen mit Limonade und Wasser gefüllt. «Können wir eine große Flasche Margarita und Champagner bekommen?», scherzte Cantrell zuletzt, als sein Team an Land wie jeden Tag per Telefon fragte, wann ein Taucher das Abendessen nach unten bringen soll.

73 Tage verbrachten die Biologie-Dozenten in dem ehemaligen Forschungslabor im US-Staat Florida - nun haben sie den Weltrekord für die längste Zeit unter Wasser gebrochen. Auftauchen und ihr Experiment offiziell beenden wollten sie erst am Montag (19.30 Uhr MEZ). Aber die bisherige, im Jahr 1992 aufgestellte Bestmarke von 69 Tagen knackten sie schon am Donnerstag. «Es fällt schwer, mir vorzustellen, dass es jetzt zu Ende geht», sagt Tauch-Experte Cantrell. 

Es ist ein seltsames Gefühl, drei oder vier Minuten durch die Dunkelheit zu tauchen, unten plötzlich ins Trockene einer Kammer zu steigen und dort zwei Menschen in T-Shirt und Jogginghose zu begegnen. Denn die Unterwasserwelt ist nicht nur nass, sondern eigentlich lautlos und wird akustisch meist nur gefüllt vom Keuchen und Blubbern des eigenen Atemreglers. Die Kommunikation mit anderen läuft per Handzeichen.

Und dann sitzen da Cantrell und Fain und reichen einem das Handtuch. Ein Tauch-Kurier bringt kurz darauf trockene Kleidung, und prompt sitzt man zum Gespräch im Gemeinschaftsraum und kann durch das Bullauge nach Fischen und Seekühen Ausschau halten. Das ständige Surren des lebenserhaltenden Systems vermittelt Sicherheit, zusammen mit drei Telefonen, einer Gegensprechanlage und - falls die Technik komplett ausfällt - einem stromlosen Schnurtelefon. Es ist etwas eng dort unten, aber gemütlich. Für 675 Dollar kann man in der «Jules Undersea Lodge» übernachten.

Auch wenn die 28 Quadratmeter nicht nur eine Kapsel fürs nackte Überleben sind, sondern vom Komfort eher einem Wohnmobil gleichen, war der Rekord für Fain und Cantrell kein Spaziergang. Retter hatten geprobt, wie sie Verletzte im Notfall innerhalb von Minuten nach oben holen können. Der Unterwasser-Lebensraum wurde rund um die Uhr von Fachleuten an Land überwacht. Denn in dem Fall, dass die Systeme versagen und keine Druckluft mehr durch die sogenannte Nabelschnur nach unten gepumpt wird, könnte die Lodge innerhalb kürzester voll Wasser laufen die Bewohner könnten ertrinken.

Selbst 14 Monate Vorbereitung schützten die beiden nicht vor unangenehmen Zwischenfällen. Der 63-Jährige Cantrell musste wegen einer Infektion behandelt werden, also tauchte ein Arzt durch die Bucht in Key Largo und kam zur Visite in die Stahlkapsel. Und Cantrells Computer, mit dem er per E-Mail und Video-Chat mit Journalisten, Schulklassen und Bekannten in Kontakt bleiben wollte, machte unten erst einmal schlapp. Die Festplatte hielt dem Druck nicht stand und musste an Land ausgetauscht werden.

Neben ihren wöchentlichen Unterrichtsstunden, mit denen sie vor allem Schüler für das Fach Biologie begeistern wollen, ließen sich die beiden den Spaß unter Wasser aber nicht nehmen. Fain verkleidete sich als Meerjungfrau, setzte außen kleine Spielzeug-Figuren vor die Bullaugen und lockte Fische an. Zu Halloween bekamen die beiden Süßigkeiten per Kurier geschickt und drehten einen Horror-Kurzfilm, in dem Cantrell als Monstermensch aus der Toilette getaumelt kommt und dann einen dramatischen Tod stirbt. Sogar der berühmte Astronaut Buzz Aldrin stattete ihnen einen Besuch ab.

«Im Handumdrehen» würde der Biologie-Professor Cantrell sich so ein Abenteuer noch einmal vornehmen, sagt er. Die 25-jährige Fein freut sich nun vor allem auf ihren Hund, der sie anders als ihr Partner und ihre Familie nicht in der Kapsel besuchen konnte. Und worauf freut sich Cantrell am meisten? «Aufzutauchen, nach oben in den Himmel zu blicken und den Wind und die strahlende Sonne zu spüren und zu realisieren, dass wir es geschafft haben.»