Arcade Fire stürmen den Tanzboden

Kaum jemand wird bei «Reflektor» lange stillhalten können. Arcade Fire mischen auf ihrer neuen Platte alle Zutaten für ein wirklich gutes Album zusammen: ein treibender Beat, sympathische Verschrobenheit und ein Sound wie aus der späten Disco-Ära, den man selten so frisch gehört hat.

Arcade Fire stürmen den Tanzboden
Arcade Fire stürmen den Tanzboden

In den letzten Wochen hat die kanadische Indie-Band immer wieder die Aufregung um ihre Scheibe erhöht: hier ein Song-Schnipsel, dort ein kurzfristig angekündigtes Geheimkonzert. Ende September wandert ein Kurzfilm mit drei neuen Songs durch die sozialen Netzwerke. Darin treten Schauspieler Ben Stiller, Hollywood-Darling James Franco und U2-Frontmann Bono auf. Die PR-Maschine läuft mit viel Prominenz.

Auf ihrer mittlerweile vierten Platte zeigt die Band erneut ihr besonderes Geschick für gute Album-Opener. Wie das Debüt «Funeral» (2004) und der Nachfolger «Neon Bible» (2007) hat auch «Reflektor» mit der gleichnamigen Single einen sensationellen Einstieg. Der kühle, monotone Beat und ein unverschämt vibrierender Bass treiben den Siebeneinhalb-Minuten-Ohrwurm an. Knackigeren Disco-Sound gab es nicht mehr seit «Blind» (2008) von Hercules and Love Affair.

Durch den Gastauftritt David Bowies gilt der Song «Reflektor» bereits seit seiner Vorabveröffentlichung im September als kleine Sensation. Die klare Stimme von Sänger Win Butler ist kaum mehr von der Bowies zu unterscheiden. Dem britischen Musikmagazin «NME» verraten Arcade Fire, Bowie habe sich das Lied sogar selbst unter den Nagel reißen wollen: «Wenn ihr den Song nicht schnell abmischt, dann stehle ich ihn euch einfach», soll er im Tonstudio gescherzt haben.

Beat und Bass ziehen sich fast vollständig und gleichbleibend durch das ganze Album: Mal als Unterbau eines klassischen Rocksongs wie «Normal Person», mal als «Billie-Jean»-Echo in «We Exist». Das vertrackteste Stück «Here Comes the Night Time» mit Weltmusik-Reggaeton sei tatsächlich «ein Mix aus Studio 54 und haitianischem Voodoo», sagte Butler dem «NME».

Mit ihrem Album führen die Kanadier ein künstlerisches Spiel der Doppelung auf. Um nur einige zu nennen: Es gibt zwei Platten, obwohl die Gesamtlänge von gut 75 Minuten locker auf eine CD gepasst hätte. In zwei Versionen von «Here Comes the Night Time» stehen musikalische Kauzigkeit und kantige Klarheit gegeneinander. Außerdem sind Liebe und Trennung aufs Engste in den metaphorischen Song-Zwillingen «Awful Sound (Oh Eurydice)» und «It's Never Over (Oh Orpheus)» verwoben.

Gegen manche Textschwäche steht ein wirklich packender Sound. Mit ihren letzten Platten wollten Arcade Fire die Gemüter bewegen, mit «Reflektor» kommen sie nun auch bei den Hüften an.