Asylanhörung: Fünf Stempel und Taschentücher für Flüchtlinge

Mit großen Augen blickt die zwölfjährige Malina zum Bundesadler auf. Das hoheitliche Tier ziert die Fassade der neuen Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Bingen am Rhein. Ihre Eltern erklären dort, warum sie nach Deutschland geflohen sind.

Der Beamte notiert fürs Protokoll: «Asylbegründend trägt der Antragsteller vor, das Arbeitsamt habe ihm gesagt: "Wir haben keine Arbeit für Serben und schon gar nicht für Zigeuner".»

Der Fall des 37-jährigen serbischen Staatsbürgers Šaban ist für Entscheider Dan-Marvin Frosting eine von etwa 20 Anhörungen je Woche. Mehr als eine Stunde lang befragt er Šaban, warum er im Juni einem Schlepper 330 Euro gezahlt hat, um ihn, seine Frau und seine drei Kinder in einem Kombi über Ungarn und Österreich nach Deutschland zu bringen. Für die Kinder hatte er kein Geld mehr - er musste deshalb, so sagt Šaban, seinen Personalausweis als Pfand bei den Schleppern lassen.

Šaban erzählt vom Leben in der serbischen Provinz, vom Überlebenskampf mit Gelegenheitsarbeiten und dem Sammeln von Pfandflaschen, von der ständig nassen Behausung mit dem Dach, durch das es regnet. Er legt Atteste zur Krankheit von Malina vor. Und erzählt widerwillig, wie die beiden Töchter von Jugendlichen begrapscht wurden, weil sie Roma sind. Die Dolmetscherin erklärt, dass junge Mädchen dann schnell entehrt seien und kaum noch eine Chance auf eine Heirat hätten.

Flehentlich sagt Šaban zum Schluss: «Ich könnte das nicht ertragen, wenn ich nach Serbien zurück müsste. Ich habe nichts weiter zu sagen, es liegt in Ihren Händen.»

Serbien gilt seit November 2014 als «sicheres Herkunftsland». Die Quote der anerkannten Asylanträge liegt bei null Prozent, ebenso bei den weiteren Möglichkeiten Flüchtlingsschutz und Schutz bei drohender unmenschlicher Behandlung. In 0,1 Prozent der bisherigen Fälle in diesem Jahr wurde ein Abschiebungsverbot ausgesprochen - das ist möglich, wenn im Herkunftsland Verelendung droht oder eine Krankheit dort nicht behandelt werden kann.

Auf dem Schreibtisch des Entscheiders steht eine Box mit Papiertaschentüchern. Es komme immer mal vor, dass jemand in Tränen ausbreche, sagt Frosting. Der Beamte ist erst 23 Jahre alt, die vor ihm aufgezeigten Schicksale lassen ihn nicht kalt. An der Wand hängt ein Bild von Gandhi und auf Frostings Kaffeebecher steht der Spruch: «Eigentlich wollte ich ja die Welt retten - aber es regnet!»

Vor Šaban sind an diesem Tag zwei syrische Christen mit ihrer Anhörung dran, der 28-jährige Raid und seine 22-jährige Frau Hayat. Die kleine Familie mit zwei Töchtern hatte Glück: Sie erhielt ein Visum, konnte von Beirut aus legal nach Deutschland fliegen und musste nicht wie zahllose andere Kriegsflüchtlinge illegal übers Mittelmeer nach Europa fliehen. Die Eltern sahen in dem vom Bürgerkrieg zerstörten Land keine Zukunft mehr.

«Ob ich sterbe oder am Leben bleibe, ist mir egal», sagt Raid in der Anhörung. «Aber ich habe Angst um meine Kinder und meine Frau.» Die beiden Anhörungen sind schnell beendet. «Ich habe jetzt nicht weiter nachgefragt, weil der Fall aus meiner Sicht unproblematisch ist», sagt Frosting. Von den Antragstellern aus Syrien erhielten in diesem Jahr bislang 82 Prozent den Flüchtlingsschutz, weitere 2,4 Prozent den Asylstatus. Auf Frostings Schreibtisch hängen fünf Stempel in einem Ständer, darunter einer für den Aufdruck: «geprüft und genehmigt».

«Der Entscheider muss hinter der Entscheidung stehen», sagt der Leiter der BAMF-Außenstelle, Jörgpeter Stahr. «Im Zweifelsfall entscheiden wir für den Antragsteller.»

Um drei Uhr fährt der Bus mit Malina und ihrer Familie von Bingen ins Flüchtlingsheim nach Ingelheim zurück. Männer, Frauen und Kinder schauen aus den Fenstern. Ihre Blicke gehen ins Leere.